Unterwegs… in New York City

Jean-Michel Basquiat – Teil 3: “I’m not a real person. I’m a legend.”

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(c) Brigitte King

“I don’t think about art when I’m working. I try to think about life.”
(Jean-Michel Basquiat)

Am 13. Juli 2016 versammelten sich in New York City Hunderte von Schaulustigen in der Great Jones Street vor dem Haus mit der Nummer 75. Auf Initiative der Greenwich Village Society für Denkmalpflege wurde dort, an Jean-Michel Basquiats letzter Wohnstätte, dem Haus, das er von Andy Warhol gemietet hatte, eine Gedenktafel enthüllt. Bereits einige Tage zuvor wurde die Plakette an die mit Graffitis übersäte Hauswand geschraubt und vorübergehend mit einem schwarzen Tuch, auf dem „Reserved for Basquiat“ zu lesen war, verdeckt. Während der feierlichen Zeremonie kam darunter eine Messingtafel mit folgender Inschrift zum Vorschein: „Jean Michel-Basquiat (1960-1988) – From 1983 to 1988 renowned artist Jean Michel-Basquiat lived and worked here, a former stable owned by friend and mentor Andy Warhol. Baquiat’s paintings and other work challenged established notions of high and low art, race and class, while forging a visionary language that defied characterization.”

 

(c) Brigitte King

„Wenn du nur noch vierundzwanzig Stunden zu leben hättest, was würdest du tun?“, wurde Basquiat einst in einem Interview gefragt. Er musste eine Weile nachdenken und antwortete schließlich: „Ich weiß es nicht. Ich würde mit meiner Mutter und meiner Freundin rumhängen, denke ich.“ Es ist bekanntlich anders gekommen, denn wie die letzten Stunden des Künstlers tatsächlich abgelaufen sind, lässt sich in der Rückschau recht schlüssig nachvollziehen.

Ursprünglich hatte Basquiat geplant, am Sonntag, den 7. August, nach Abidjan (Elfenbeinküste) zu fliegen, da er jedoch verspätet von einer Reise nach New York zurückkehrte, buchte er sein Ticket um und verschob den Flug auf den 18. August. Am Zielort wurde er von dem befreundeten, aus der Elfenbeinküste stammenden Künstler Ouattara Watts erwartet. „Wir wollten mein Heimatdorf besuchen“, erinnert sich Ouattara. Basquiat hatte beabsichtigt, dort drei Monate lang zu verweilen, um zu malen und sich mithilfe ortsansässiger Medizinmänner von seiner Drogensucht zu befreien. „Alles war bereit für Jean-Michel. Alles war vorbereitet“.

Zwei Jahre zuvor war Basquiat in Begleitung von seiner damaligen Freundin Jennifer Goode und deren Bruder Eric erstmals in das Land an der westafrikanischen Küste gereist, um dort eine Ausstellung zu realisieren. Im Anschluss reiste er weiter nach Hamburg, wo er seinen Beitrag zu Andre Hellers Freizeitpark „Luna Luna“ fertigstellte und gemeinsam mit Kunstgrößen wie Joseph Beuys, Salvador Dali, Keith Haring, David Hockney und Roy Lichtenstein Karussells und weitere Fahrgeschäfte mit seiner Kunst gestaltete.

Das Eingangstor zum Green-Wood Cemetery
© M.Graß

Bei strahlendem Sonnenschein stehe ich vor einem eindrucksvollen neugotischen Eingangstor, das in den 1860er Jahren vom Architekten Richard Upjohn gestaltet wurde und die Sicht auf grüne Hügel und weit über hundert Jahre alte Bäume, unter denen Grabstätten erkennbar sind, freigibt. Ich befinde mich am Green-Wood Cemetery, einem Friedhof in Brooklyn, der auf einer Fläche von 478 Hektar etwa 600.000 Gräber beherbergt. Ausgestattet mit einem Übersichtsplan, den ich mir im Informationsbüro besorgt habe, betrete ich durch einen Seiten¬ein¬gang des Tores den Friedhof, wo ich mich zunächst auf eine Bank setze und einen ersten Blick auf die Karte, die mir anzeigt, an welchem Ort sich nennenswerte Gräber, Katakomben, Mausoleen und Skulpturen befinden, werfe. Der Index listet mehr als 200 solcher bedeutsamen Grabstätten auf – darunter auch jene von Jean-Michel Basquiat.

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Kirsten Vigard

Am Tag vor seinem Tod spazierte die Schauspielerin und Sängerin Kristen Vigard am frühen Abend an Basquiats Wohnung vorbei. Sie hatte ihren Freund seit Längerem nicht gesehen und entschied sich spontan, ihm einen Besuch abzustatten. Basquiat habe sich sichtlich über ihre Anwesenheit gefreut, aber sie sei schockiert über dessen Zustand gewesen. Er habe sehr fahrig gewirkt und stand offenkundig unter Drogeneinfluss. Kelly Inman, eine Maskenbildnerin, die seit einiger Zeit im Keller von Basquiats Wohnung lebte, kam hinzu. Die beiden Frauen waren bezüglich seines Zustandes sowie seiner zuletzt gezeigten Gewohnheiten beunruhigt. Der einstige Partylöwe ging kaum noch aus, aber die beiden waren fest entschlossen, ihn zu aktivieren und überredeten Basquiat, sie zu einer von Brian Ferry organisierten Party im Club M.K. zu begleiten.



Mit meinem Übersichtsplan in der Hand habe ich mich mittlerweile auf den Weg gemacht und passiere eindrucksvolle Grabstätten wie das zwölf Meter hohe, mit Wasserspeiern versehene Denkmal aus Terrakotta, Sandstein und Granit, in dessen eingearbeiteten Marmor-Sarkophag John Matthews, der Erfinder des Sprudels, ruht sowie ein von einem Engel bewachtes Mausoleum, das wie ein griechischer Säulentempel anmutet, in dem sich die Gebeine des aus Hannover stammenden Charles Feltman befinden, der mit 14 Jahren in die USA auswanderte und später die Amerikaner zu einer neuen Ernährungsgewohnheit verführte, als er den Hot Dog erfand.

(c) M.Graß

Im 19. Jahrhundert wünschte sich nahezu jeder prominente New Yorker Bürger, hier begraben zu werden. Die New York Times brachte es 1866 auf den Punkt: „Es ist der Ehrgeiz der New Yorker auf der Fifth Avenue zu leben, ihre Spaziergänge im Central Park zu unternehmen und sich zu ihren Vätern in Green-Wood zur letzten Ruhe zu legen.“

Der Green-Wood Cemetery inspirierte die Stadtplaner zur Schaffung des Central Parks
© M.Graß

Fortwährend erblicke ich auf den Inschriften der Grabsteine und Denkmäler mir bekannte Namen. Der deutschstämmige Spielzeugbaron Frederick August Otto Schwarz, der Morsezeichen-Erfinder Samuel Morse, der Glaskünstler Louis Comfort Tiffany, der korrupte Politiker William Magear Tweed sowie Bill „the Butcher“ Poole, der Gangleader, den Daniel Day-Lewis im Martin-Scorsese-Epos „Gangs of New York“ eindrucksvoll verkörperte, haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Eine unscheinbare Marmorplatte am Fuße einer dichten Eibenenhecke weist auf das Grab des Mafioso Joey Gallo hin, der 1972 während seiner Geburtstagsfeier in Umberto’s Clam House, einem bis heute existierenden Restaurant in Little Italy, von einem Kugelhagel durchsiebt wurde und von Bob Dylan in dem Song „Joey“ verewigt wurde. Eine niedrige, von zwei Bäumen flankierte, idyllisch wirkende Granitbank, markiert das Grab des gefeierten Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein („West Side Story“), der seine letzte, unprätentiöse Ruhestätte auf einem romantischen Hügel des Friedhofs fand, wo Besucher, gemäß einer jüdischen Tradition, einige Kieselsteine auf seinem Grabstein hinterlassen haben.

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Andy Warhol

Am 22. Februar 1987 war Andy Warhol, unerwartet und unter bis heute ungeklärten Umständen, nach Komplikationen einer vergleichsweise harmlosen Gallenblasenoperation verstorben. Obwohl ihre Freundschaft im vergangenen Jahr etwas abgekühlt war, zeigte sich Basquiat von diesem Verlust außerordentlich betroffen. Er schuf ein Triptychon, um Warhol zu ehren und beschäftigte sich noch intensiver als bislang mit Themen wie Tod und Vergänglichkeit. „Es brachte ihn in eine totale Krise“, erinnert sich Basquiats Freund Fred Brathwaite. Der Kunstsammler Donald Rubell geht sogar so weit, Basquiats Ableben mit dem von Warhol in Verbindung zu bringen. „Der Tod von Warhol machte den Tod von Basquiat unausweichlich. Warhol war die Person, die Jean-Michel immer wieder gerettet hatte. Immer, wenn Jean-Michel in den größten Schwierigkeiten steckte, schien es, dass Andy Warhol die Person war, der er vertrauen konnte. Nachdem Andy nicht mehr da war, gab es niemanden mehr, den Jean-Michel derart respektierte…“



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Fred Brathwaite & Jean-Michel Basquiat

Als Basquiat, wie gewohnt flankiert von hübschen Frauen – an jenem Abend Kristen Vigard und Kelly Inman – den M.K. Club erreichte, waren die anwesenden Gäste nicht wenig bestürzt angesichts dessen Erscheinungsbildes. Er, der stets auf sein Äußeres achtete und gerne dandyhaft, in teuren Maßanzügen auftrat, war mittlerweile stark abgemagert, hatte eine fleckige Haut und ein Schneidezahn war ihm ausgefallen. Auf der Party amüsierte Basquiat sich kaum, weshalb er bereits nach kurzer Zeit seinem Freund Kevin Bray, den er vor Ort getroffen hatte, vorschlug, den Club zu verlassen und stattdessen in seine Wohnung zu fahren. „Dort haben wir einfach herumgesessen“, erinnert sich Kevin Bray. Basquiat, der in den vergangenen Wochen redselig über seine Zukunftspläne fabuliert hatte, sei an jenem Abend auffallend still gewesen. „Er wollte wirklich über nichts reden und schon bald schlief er ein.“

Kelly Inman kehrte gegen vier Uhr morgens von der Party im M.K. zurück. „Ich habe Jean-Michel nicht mehr gesehen“, erinnert sie sich. „Ich bin runter ins Bett gegangen.“ Am frühen Nachmittag wurde sie vom Klingeln des Telefons geweckt. Kevin Bray war am Apparat. Er hatte mit Jean-Michel verabredet, am Abend ein Run-D.M.C.-Konzert zu besuchen und wollte hierzu Näheres mit ihm besprechen. Inman ging hoch ins Obergeschoss, wo ihr eine Gluthitze entgegenschlug. Die Klimaanlage war seit einigen Tagen defekt, worüber sich Basquiat ungemein geärgert hatte, mit einem seiner typischen Anfälle von Paranoia reagierte und seine Vermieter denunzierte, ihn durch gezielte Sabotagemaßnahmen aus der Wohnung vertreiben zu wollen.

Durch die angelehnte Badezimmertür fiel Inmans Blick auf die schwarz-braune Jacuzzi-Wanne, auf deren Vorsprung mehrere blutige Spritzen lagen – ein seit Wochen vertrauter Anblick. Basquiat schien in seinem riesigen, in blaues Fernsehlicht getauchtem Bett friedlich zu schlafen. Sie ging wieder hinunter, bat Bray es später noch einmal zu versuchen und amüsierte sich mit der Haushälterin, Blanca Martinez, über das laute Schnarchen, das gelegentlich durch das Haus hallte.

Ob Inman und Basquiat eine Liebesbeziehung oder eine platonische Freundschaft miteinander verband, ist bis heute strittig. Basquiat hatte in seinem Leben gewiss viele Affären, jedoch eine überschaubare Zahl an festen Beziehungen, unter denen jene mit Jennifer Goode von Basquiats Umfeld als die ernsthafteste erlebt wurde. 1984 hatten sich die beiden kennengelernt und etwa ein Jahr vor Basquiats Tod voneinander getrennt. Eine entscheidende Rolle habe dabei, laut Goode, die Heroinsucht gespielt. „Ich war nicht über ihn hinweg. Aber ich hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt erkannte, dass ich auf diese Weise nicht weitermachen konnte. Ich musste aufhören, Drogen zu nehmen, und der einzige Weg, mit Drogen aufzuhören, war, mit ihm Schluss zu machen. Als ich mit ihm Schluss machte, wurde er sehr wütend. Er zerstörte sein Zimmer, schlug mit der Faust ein Loch in die Wand und zerbrach Möbel. Ich fand später heraus, dass er ein gebrochenes Herz an die Wand gezeichnet hatte. Danach zog er sich immer mehr zurück. Er nahm noch mehr Drogen und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Es war schmerzhaft dabei zuzusehen. Etwa zu der Zeit unserer Trennung starb auch Andy Warhol. lch und viele andere, die ihn kannten, glauben, dass der Tod von Andy zu diesem Niedergang beigetragen hat. Ich weiß nicht, warum er so schnell untergegangen ist. Es lief gut für ihn und er tat, was er liebte und er konnte davon leben. Aber es war nicht genug…“

Etwa drei Stunden nach seinem ersten Anruf meldete sich Kevin Bray abermals. Inman rief nach Basquiat, erhielt noch immer keine Antwort und stieg erneut die Treppe zu dessen Wohnung hinauf. Dort fand sie Jean-Michel ausgestreckt auf dem Boden liegend. Sein Kopf ruhte auf seinem Arm, wodurch er wie ein niedliches, schlafendes Kind gewirkt habe, wäre da nicht das Rinnsal aus Erbrochenem gewesen, das sich unter seinem Kinn gebildet hatte. Inman schüttelte ihren Freund leicht und überprüfte dessen Puls. Sie reagierte zunächst erstaunlich abgeklärt, da Basquiats Drogensucht sie nicht zum ersten Mal in eine derartige Situation geführt hatte. Gleichfalls lebte sie in einer ständigen Angst und jetzt schien es, als wäre das Schlimmste passiert. Sie rannte zum Telefon und rief Kevin Bray sowie Vrej Baghoomian, Basquiats letzten Kunsthändler, an.

Basquiats Verhältnis zu seinen jeweiligen Galeristen war stets von Spannungen geprägt. Mary Boone, die zuvor seine exklusive Händlerin war, erkannte, dass er zu grandioser Arbeit fähig war, begann aber an seiner Energie, sich weiterzuentwickeln, zu zweifeln. Sie ermutigte ihn, sich kritischer mit seiner Kunst auseinanderzusetzen, statt sich mit Glamour und Drogen zu beschäftigen. Er wiederum fühlte sich von ihr unangemessen, als wäre er ein schwer erziehbares Kind, behandelt. Ein Freund erinnert sich, wie Basquiat „buchstäblich auf und ab hüpfte und schrie, ich bin der Star – nicht Mary Boone.“ Das Verhältnis zwischen den beiden verschlechterte sich und schließlich stand Basquiat zum Ende des Jahres 1987 ohne Haupthändler in New York da.
Mit Müh und Not, denn sein Ruf unter Galeristen war mittlerweile desaströs, fand Basquiat mit Vrej Baghoomian einen neuen Händler, der 1988, sechs Monate vor Basquiats Tod, dessen letzte Ausstellung in New York organisierte. Basquiat hatte seit mehr als anderthalb Jahren keine neuen Werke gezeigt und mit entsprechender Spannung wurden diese erwartet. Die präsentierten Bilder wirkten zurückhaltend und beschränkten sich auf einen ungewohnt reduzierten Farbeinsatz. Auffallend waren die Referenzen an das Sterben. So tauchen wiederholten die Worte „MAN DIES“ in den „Eroica“-Bildern auf, zu denen sich Basquiat von der gleichnamigen Beethoven-Symphonie inspirieren ließ, die er zu jener Zeit wie ein Besessener hörte.

Es wurde wiederholt darüber spekuliert, ob Basquiat in seinen letzten Gemälden den eigenen bevorstehenden Tod thematisiert hat. Die Gefahr der Überinterpretation liegt dabei nahe, denn Zeit seines Lebens hat er sich mit Themen wie Tod, Vergänglichkeit, Verletzlichkeit und der Tragik des Daseins auseinandergesetzt. Bemerkenswert bleibt dennoch sein 1988 entstandenes Bild, bei dem es sich wahrscheinlich um sein letztes handelt und das er mit dem Titel „Riding with Death“ versah. Dargestellt ist ein sich auf allen Vieren bewegendes Skelett, das von einer dunkelhäutigen Figur geritten wird. Die gespenstische Szenerie ereignet sich vor einem reduzierten braun-grauen Hintergrund, der nichts mitteilt oder offenbart – nichts außer Leere.

Aufstieg zum Battle Hill
© M.Graß

Ich habe mittlerweile den Battle Hill, den höchsten Punkt des Friedhofes und Brooklyns, erklommen. Hier, wo Grabstätten von verschiedenen Bürgerkriegsgenerälen zu finden sind, fand 1776 der „Battle of Brooklyn“ statt, bei dem die Briten die Kontinentalarmee erfolgreich in die Flucht schlugen. Es handelte sich um die erste bedeutende Schlacht des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, nachdem die Vereinigten Staaten kurz zuvor, am 4. Juli 1776, ihre Unabhängigkeit erklärt hatten. In Bezug auf den Truppeneinsatz und die Kampfhandlungen war es die größte Schlacht des gesamten Krieges, weshalb es nur schwer verständlich ist, dass dieses Ereignis in der US-amerikanischen Geschichtsschreibung nur eine Randnotiz darstellt. Dieses mag damit zusammenhängen, dass die britische Armee gesiegt hat und sich damit die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt New York sicherte. Dennoch begingen die Briten in der Rückschau einen folgenschweren Fehler, als sie darauf verzichteten, den Oberbefehlshaber George Washington, der über den East River fliehen konnte, gefangen zu nehmen. In der Folge gelang diesem der militärische Umschwung und 1789 wurde er zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.

Auf dem Battle Hill grüßt die Kriegsgöttin Minerva ihre „Schwester“, die Freiheitsstatur (c) M.Graß

Basquiat hat in seinen Bildern wiederholt die zweischneidige Geschichte der USA ins Visier genommen und mit seinen oftmals schwer durchschaubaren Verknüpfungen von Wort und Bild, den gebrochenen und tragischen Bogen der amerikanischen Vergangenheit eingefangen. Ähnlich wie der Autor William Burroughs verwendete er dabei das Mittel der Collage, um das epische Chaos der Geschichte zu visualisieren. Basquiat wühlte tief in Amerikas blutiger Vergangenheit – dem Kolonialismus, der Sklaverei, den Kriegen – und macht diese vor allem mit seinen grinsenden menschlichen, bislang unter Decken des Schweigens verhüllten Schädeln verstorbener Generationen sichtbar.

Basquiats einstige Freundin Jennifer Goode erinnert sich an das Wesen des Ausnahmekünstlers. „Er verhielt sich in der Öffentlichkeit genauso wie privat. Er war einerseits schüchtern, wurde aber richtig fies und sarkastisch, wenn er sich respektlos oder rassistisch behandelt fühlte.“ Basquiats intensive Stimmungsschwankungen waren legendär. Er konnte kühl analytisch oder hochemotional, außerordentlich misstrauisch, arglos, ungemein charmant und mitunter abweisend sein. Vor allem in seinem letzten Lebensabschnitt kam es wiederholt zu geradezu paranoiden Phasen, die mutmaßlich durch seinen Drogenkonsum ausgelöst oder zumindest verstärkt wurden, in denen er allzu gerne die Rolle des Märtyrers anzunehmen schien.


Basquiat verlor zunehmend die Kontrolle über sein Leben, über seine Kunst und deren Vermarktung. Er zerstritt sich mit Galeristen und äußerte in den letzten Monaten seines Lebens mehrfach den Gedanken, mit dem Malen aufzuhören und stattdessen zu schreiben, Musik zu machen oder in Hawaii eine Bar zu eröffnen. Ein unstillbarer Hunger nach Ruhm und Anerkennung schien ihn bis zu diesem Zeitpunkt angetrieben zu haben. Er pendelte zwischen überbordendem Größenwahn und nagendem Selbstzweifel. Sein Erfolg erregte und beunruhigte Basquiat gleichermaßen. „Jean-Michel wurde plötzlich zu einer Sache, die er stets kritisierte, weil er der Kunstszene derart kritisch gegenüberstand“, äußerte sich Keith Haring. Als Basquiat den Song „Candle in the Wind“, Elton Johns Klagelied für Marilyn Monroe, hörte, bemerkte er: „Das bin ich. Ich bin keine echte Person. Ich bin eine Legende.“

Oberflächlich betrachtet schien sich für Basquiat alles erfreulich zu entwickeln. Der Kunsthändler Bruno Bischofberger hatte ihm einige Warhol-Kollaborationen für 300.000 Dollar abgekauft und schloss zudem mit ihm einen Vertrag, in dem Basquiat seinen Anteil an weiteren zwanzig der Warhol-Kollaborationen für 500.000 Dollar abtrat. Das Übereinkommen wurde auf einem einzigen Blatt Papier handschriftlich festgehalten. Basquiat behauptete später, er habe die Abmachung falsch verstanden. Er sei davon ausgegangen, die verabredete Summe unverzüglich zu erhalten. „Ich bekomme nur 10.000 Dollar pro Monat – und das für die nächsten Jahre“, sagte Basquiat mit deutlicher Bitterkeit. „Bischofberger muss mich für einen totalen Idioten halten.“

Laut Bruno Bischofberger handelte es sich um eine gängige vertraglich fixierte Vorgehensweise, die Basquiat über mehrere Jahre finanzielle Sicherheit geboten hätte, was angesichts dessen waghalsigen Lebensstils durchaus sinnvoll erschien. Andy Warhol hatte seinen Freund wiederholt inständig bekniet, sein Geld nicht achtlos zu verprassen, sondern sich um ein wenig Stabilität und Vorsorge zu kümmern. Basquiats Verhältnis zu Geld war ambivalent. Einerseits wünschte er sich Reichtum, als er jedoch Millionär war, vermittelte er den Eindruck, als unternehme er alles, um sein Geld wieder loszuwerden. Er schenkte einem befreundeten Musiker ein Fischerboot, verlieh Geld und lehnte die Rückzahlungen ab, mietete teure Hotelsuiten, die er nie bezog, kaufte sich exklusive Designeranzüge, die er sogleich ruinierte, indem er sie beim Malen trug und mit Farbe beschmierte und warf aus dem Fenster einer gemieteten Limousine Bettlern auf der Straße haufenweise Dollarscheine zu. Er schien keinerlei Besitz anzustreben, ihn gar möglichst zu vermeiden. Mutmaßlich handelte es sich bei Basquiat um den einzigen Millionär auf der Welt, der über kein eigenes Bankkonto verfügte. Abertausende Dollars deponierte er unter dem Teppich, zwischen Sofakissen und Bücherseiten. Zu jeder Stunde kamen Bekannte zum Feiern in sein Loft, für die Basquiat stets Kaviar, teures Gebäck, exklusive Getränke und Kokain bereithielt.

Kevin Bray, der sicherlich viele derartige Partys miterlebt hat, machte sich, alarmiert von Inmans Anruf, unverzüglich auf den Weg zu Basquiats Wohnung. „Als ich dort ankam“, erinnert er sich, „hatte sie bereits einen Krankenwagen gerufen. Sie hat mich nach oben gebracht. Jean-Michel sah aus, als mache er nur ein Nickerchen. Es lief eine klare Flüssigkeit aus seinem Mund. Wir schüttelten ihn oder hielten ihn einfach fest, bis der Krankenwagen eintraf. Die Sanitäter gaben ihm mehrere Spritzen und wir dachten, er würde sich wieder erholen.“

„Wir alle haben gehofft, dass ein Wunder geschehen würde“, erinnert sich Helen Traversi, eine Assistentin aus der Baghoomian-Galerie, die angesichts der aufkommenden Erinnerung zu weinen beginnt. Draußen auf dem Bürgersteig hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge versammelt, um die Vorgänge zu beobachten. „Ich wollte gerade mit meiner Frau in den Urlaub fahren“, berichtet Filmemacher Amos Poe, der mit Basquiat befreundet war. „Als wir an Jean-Michels Haus vorbeikamen, haben wir gesehen, wie sie ihn in den Krankenwagen geladen haben. Zur gleichen Zeit kam sein Vater und parkte vor dem Haus. Ich habe unvermittelt zu meiner Frau gesagt: ,Jean-Michel ist tot.’“

In der Tat wurde Basquiat im Cabrini Medical Center bei seiner Ankunft sogleich für tot erklärt. Als Todesursache gab der Gerichtsmediziner „akuter Drogenmissbrauch (Opiate-Kokain)“ an. Das intensive Leben eines bemerkenswerten Künstlers war vorüber.

© M.Graß

Ich stehe vor einer unscheinbaren, sich in eine lange Reihe fast identischer Stätten einreihenden, Grabstelle. Wie auf dem Grabstein von Leonard Bernstein haben auch hier Besucher kleine Steine und zudem Münzen und Tannenzapfen, die traditionell Dankbarkeit und Anerkennung symbolisieren, sowie kleine Notizzettel mit persönlichen Botschaften hinterlassen. Auf der Inschrift des grauen Grabsteines ist zu lesen: „Jean-Michel Basquiat; Artist; Dec 1960 – Aug 1988“.

Am 17. August wurde Basquiat hier, im Anschluss an eine private Trauerfeier in der Frank E. Campbell Funeral Chapel, im Beisein seiner Familie und engen Freunden, darunter Keith Haring, Francesco Clemente und Paige Powell, beerdigt. Die Hitzewelle der vergangenen Tage war vergangen und es regnete erbarmungslos auf die kleine Gruppe, die sich auf dem Friedhof versammelt hatte, um Jean-Michel zu verabschieden, hinab.

Noch immer verstört denkt Blanca Martinez, Basquiats Haushälterin, an den Anblick der versammelten Trauernden, der sich ihr eingeprägt hat, zurück. „Sie standen vereinzelt herum, als ob es eine lästige Pflicht wäre“, erinnert sie sich. „Einige sahen beschämt aus.“ Mancher von ihnen habe den Friedhof verlassen, noch bevor die Leiche begraben war.

Unter Tränen warf Martinez als eine der wenigen eine Handvoll Erde auf den Sarg, nachdem er ins Grab gesenkt worden war.

Am Morgen nach Basquiats Tod wurde Inman von einem Telefonanruf aus ihrer stoischen Schockstarre gerissen. Am Apparat war ein ihr unbekannter Mann, der sich als „alter Freund von Jean-Michel“ bezeichnete und oberflächlich sein Bedauern über das Geschehene zum Ausdruck brachte. „Dann hat er gesagt, er hätte ein Gemälde in Jean-Michels Atelier zurückgelassen und fragte, ob er herkommen könnte, um es abzuholen.“ Inman legte entrüstet auf. Sie ahnte instinktiv, dass dieser Anruf ein erster Vorgeschmack auf das, was kommen sollte, war. Basquiat hatte sich zeitlebens kaum um seinen Besitz und den Verbleib seiner Werke gekümmert und es sollte eine Menge Menschen geben, die nun danach trachten würden, aus seinem Tod Profit zu schlagen.

Der Boden in Basquiats Wohnung war stets mit Leinwänden in verschiedenen Stadien der Fertigstellung bedeckt, über die er täglich, mit seiner gewohnten nonchalanten Haltung und einem Bier, einem Joint oder einem Teller Spaghetti in der Hand, hinwegstieg. Porträts von Elvis und James Dean hingen an der Wand und in einer Zimmerecke stand ein riesiger Vogelkäfig, der von einer Gummi-Fledermaus bewohnt wurde. Bei dem einzigen sichtbaren Kunstwerk, das nicht von Basquiat selbst gemalt wurde, handelte es sich um ein von Warhol angefertigtes Basquiat-Porträt, das dieser ihm geschenkt hatte.

In der darauffolgenden Woche begannen Beurteiler vom Auktionshaus Christie’s mit der Bestandsaufnahme des Inventars in der Great Jones Street 75. Sie sichteten fertige und unfertige Gemälde, einige Möbelstücke im Kolonialstil, einen Schrank voller Armani-Anzüge, eine Bibliothek mit über tausend Videobändern, Audiokassetten und Büchern, mehrere Fahrräder, einen Boxsack, sechs Synthesizer sowie einige afrikanische Instrumente. Hinzu kamen Gemälde, die Basquiat auf Empfehlung von Andy Warhol, der ihm geraten hatte, seine besten Werke vor eifrigen Kunsthändlern zu verstecken und für sich zu behalten, in Lagerhäusern verwahrt hatte. Am Ende des Sichtungsprozesses listete Christie`s 917 Zeichnungen, 25 Skizzenbücher, 85 Drucke und 171 Gemälde auf, die Basquiat hinterlassen hatte.


Wie nicht anders zu erwarten war, stiegen die ohnehin bereits enorm hohen Werte seiner Werke nach Basquiats Tod ins Unermessliche und durchbrachen bald die Millionen-Grenze. 2008 wurde sein 1982 entstandenes Werk Untitled (Boxer) bei einer Auktion in New York für rund 13,5 Millionen Dollar verkauft. Zur Versteigerung freigegeben hatte es der Metallica-Drummer Lars Ulrich, dessen Musikerkollegen von U2 mit 14,6 Millionen Dollar sogar einen noch höheren Preis für eine Basquiat-Arbeit, die ihr Bassist Adam Clayton einst in einer New Yorker Galerie aufgespürt hatte, erzielten. Ein 1982 entstandenes namenloses Selbstporträt wurde im Mai 2016 beim Auktionshaus Christie’s für 57,3 Millionen Dollar an einen anonymen asiatischen Sammler versteigert und am 18. Mai 2017 wechselte das Werk „Untitled / Skull“ bei Sotheby’s für den Rekordpreis von 110,5 Millionen Dollar den Besitzer.


Während draußen ein rauer Wind den heftigen Regen durch die Straßen New Yorks peitschte, drängten sich mehrere Hundert Menschen am 5. November 1988 in die St. Peter’s Church in der Lexington Avenue, um an einer Gedenkfeier für Basquiat teilzunehmen. Dessen einstige Band Grey spielte einige Songs und seine früheren Geliebten Suzanne Mallouk und Jennifer Goode rezitierten unter Tränen bewegende Gedichte. Keith Haring, der bereits von seiner AIDS-Erkrankung gezeichnet war, erinnerte sich an seinen verstorbenen Weggefährten: „Er irritierte die Kunstwelt, denn er bestand darauf, dass wenn er schon ihr Spiel spielen müsste, er die Regeln festlegen würde.“
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Keith Haring

Nicht selten wird Basquiat auf das Image des „coolen Graffiti-Künstlers“ reduziert oder auf die Tatsache, dass er der erste schwarze Künstler war, dem der Durchbruch in der internationalen Kunstwelt gelang. Doch diese Etiketten werden ihm sicherlich nicht gerecht. „Als er starb, war mir sofort klar, welches Szenario herhalten musste, um ihn mit Erklärungen in den Griff zu bekommen: zu viel in zu kurzer Zeit, eine disziplinlose Gier nach Leben. Es ist das Wesen der Medienbestie, das Komplexe zu simplifizieren, bis es bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird“, äußerte Keith Haring prophetisch kurz nach Basqiuats Tod.

Basquiats Bilder zeigen fast wahnartig Einflüsse, denen er sich ausgesetzt sah. Nicht weniger als sein Leben – und seine Herkunft ist nur ein Teil davon – sowie die Welt, die ihn umgab, waren seine Inspiration. Basquiats Bilder sind emotional, scheinbar spontan und explosiv. Er zitierte vergangene und gegenwärtige Kunstrichtungen, Höhlenmalerei, Kinderzeichnungen und brachte Kenntnisse über verschiedenste Themenbereiche in seine Kunst ein. „Ich weiß nicht, wie ich mein Werk beschreiben soll, weil es nicht immer dasselbe ist. Es ist so, als ob man Miles Davis fragen würde: nun, wie klingt deine Trompete?“

Unweit seines Grabes entdecke ich eine in einen Baumstamm gekerbte dreizackige Krone, mit der Basquiat einst auf seinen Werken persönliche Helden gekennzeichnet hat und die nun ihm selbst gebührt. Auch an der Fassade seiner einstigen Wohnstätte haben Fans einige dieser ikonenhaften Kronen hinterlassen, die ebenso Jean-Michel Basquiat ehren, wie die 2016 enthüllte Gedenktafel, von denen im schnelllebigen und im stetigen Wandel befindlichen New York weitaus weniger zu entdecken sind, als dieses in anderen Metropolen der Fall ist. Sie unterstreicht Basquiats Präsenz in der Stadt. Durch diese Straßen ist er gegangen, hat Wände und Türen mit seinen Schriftzügen versehen, in der hiesigen Clubszene die neusten Trends aufgesogen und aus dem Müll auf den Gehwegen Neues erschaffen. Ohne sein kulturelles Umfeld zu berücksichtigen, ist die Kunst Basquiats nicht verstehbar und nicht denkbar, denn sein Schaffen war untrennbar mit seiner Zeit – den späten 1970er und vor allem den 1980er Jahren – und seiner Heimatstadt New York und den dortigen kulturellen Strömungen verbunden.

Die Great Jones Street 75 im Jahr 2018
© Brigitte King

Neben Tausenden Gemälden, Objekten und Zeichnungen hinterließ Basquiat ein ungenutztes, auf den 18. August 1988 datiertes Flugticket, zahlreiche persönliche Notizbücher, in dessen letztem Eintrag er vermerkte, sich ein Saxofon kaufen zu wollen und ein gezacktes Loch im Badezimmerfenster, unter dem die flüchtige Zeichnung eines gebrochenen Herzens gekritzelt war.



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