Unterwegs… in New York City

 

Jean-Michel Basquiat – Teil 2: „Seit ich 17 war, träumte ich davon ein Star zu sein.“

Hier geht es zum 1.Teil

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“If I’m away from painting for a week, I get bored.”

(Jean-Michel Basquiat)

Aus einer sich in den späten 1970er Jahre in Lower Manhattan formierenden Kreativszene, die Elemente aus Punk, Graffiti und Rap verband, eroberte Jean-Michel Basquiat, der als Jugendlicher zeitweise auf der Straße lebte und auf Bänken im Washington Square Park übernachtet hat, die Kunstwelt. Einige Jahre nachdem er unter dem Pseudonym „SAMO“ witzig-philosophische Botschaften an die Häuserwände im südlichen New York sprayte, zählten Johnny Depp, U2, Dave Stewart, Dennis Hopper, John McEnroe, Metallica, Madonna, Leonardo DiCaprio und viele mehr zu den Sammlern seiner Werke, die auf Auktionen regelmäßig Rekorde brachen.

 

Den ersten Schritt vom anonymen Graffitisprayer in die Kunstwelt erfolgte für Jean-Michel Basquiat an jenem Ort, der wie kaum ein anderer für Glamour und Glitzer steht. Der Times Square in New York raubt mir bei meiner ersten Begegnung fast die Sinne, denn trotz abendlicher Dämmerung ist es dank der haushohen Leuchtreklamen, die in jeder erdenklichen Farbe blinken und blitzen, taghell. Staunend und berauscht laufe ich umher, starre die überdimensionalen, bunt leuchtenden Plakatwände, die aktuelle Broadwayproduktionen anpreisen, an und blicke auf riesige Leinwände, auf denen Konzertausschnitte aktueller Popstars zu sehen sind. Meterhohe Buchstaben von Livetickern verlaufen wie silberne, pulsierende Adern an den Hochhauswänden entlang und verkünden die aktuellsten Nachrichten, während zahlreiche Multiplexkinos die neusten Hollywoodproduktionen rühmen. Eine Colaflasche, die sich über sechs Stockwerke erstreckt und aus Fiberglas und 13.000 Glühbirnen besteht, taucht in einem stetigen Zyklus auf und wird von einem unsichtbaren Mund geleert, während grelle Stroboskopblitze die Kundschaft zu einem Besuch in gigantische Einkaufszentren verführen.

Times Square

Seinen Namen verdankt der Times Square der Tageszeitung „New York Times“, die hier 1905 ein Gebäude bezog und dieses mit einem spektakulären Feuerwerk feierte. Der damalige Bürgermeister George McClellan verlieh der Kreuzung daraufhin – nicht wenige sagen, um zukünftig in dem Blatt entsprechend positiv gewürdigt zu werden – den Namen „Times Square“. Doch mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und dem aufkommenden Tonfilm verlor die vom Theater geprägte Region zunehmend an Glanz. In den 1960er Jahren erfolgte der totale Niedergang und der Times Square entwickelte sich zu einem Ort, um den friedliebende Bürger einen großen Bogen machten. Striplokale, Pornokinos und Sexshops prägten das Straßenbild und Prostituierte, Obdachlose, Drogendealer und Taschendiebe bevölkerten die Gehwege. Robert de Niro durchpflügte den nächtlichen Times Square in „Taxi Driver“ wie einen feindlichen Dschungel, bevor in den achtziger Jahren die Wende zurück zum alten Glanz einsetzte. Eine städtische Initiative wurde ins Leben gerufen, die eine Polizeistreife sowie eine Müllabfuhr eigens für den Times Square organisierte. Nach und nach verschwand alles „Zwielichtige“, die Gebäude wurden restauriert und die Straßen neu asphaltiert. In den 1980er Jahren siedelten sich hippe Unternehmen wie MTV, Sony und Vogue an und ließen schon bald Hotelketten und Restaurants folgen.
Kurz bevor diese Veränderung einsetzte, fand an diesem Ort eine Kunstausstellung statt, die sich auch für Jean-Michel Basquiat als ein Umschwung erweisen sollte. Um ein Zeichen gegen die drohende Gentrifizierung und Kommerzialisierung zu setzen, wurde 1980 eine Ausstellung am Times Square zusammengestellt, die mit zahlreichen unterschiedlichsten künstlerischen Werken und Stilrichtungen die damaligen vorherrschenden Themen rund um den Times Square – wie Sex, Gewalt und städtischen Verfall – in den Blick nahm. Die „Times Square Show“ fand in einem leerstehenden Massagesalon statt und zeigte auf vier Stockwerken Bilder, Filme und Live Performances von mehr als hundert Künstlern. Einer von ihnen war Jean-Michel Basquiat, der ein Jahr nachdem er das Graffiti-Projekt „SAMO“ (s. 1. Teil) für beendet erklärt hatte, aber nach wie vor unter dem Pseudonym „SAMO“ in Erscheinung trat, von den Organisatoren eingeladen wurde. Die Show erwies sich als ebenso unkonventionell wie die damalige Umgebung und glich einer Non-Stop-Party, bei der unterschiedliche Welten – Musiker aus der Bronx, Graffitisprayer aus dem East Village sowie bereits anerkannte Künstler – im Zentrum New Yorks zusammengeführt wurden.
In den Jahren zuvor hatte Basquiat abwechselnd bei Freunden und Freundinnen und in dem Büro einer Filmfirma, für die er in einer nie offiziell erschienenen Produktion die Hauptrolle übernahm, gelebt. Nur in Ausnahmefällen und kurzfristig hatte er eine feste Adresse und nächtigte notfalls auf Bänken in einem der New Yorker Parks. Um ein wenig Geld zu verdienen, bot er auf der Straße bemalte T-Shirts und Postkarten an und gelegentlich gelang es ihm, eine seiner großformatigen Zeichnungen zu verkaufen, so etwa an Debbie Harry von der Gruppe Blondie, die für 100 Dollar eines seiner Bilder erstand.



Basquiat konnte beobachteten, wie radikal sich die Kunstwelt zu jener Zeit veränderte. Kunst wurde ein schicker Lebensstil, Werke bekannter Künstler entwickelten sich zu Anlageobjekten, deren Preise in astronomische Höhen schnellten, Banken akzeptierten Kunst als Sicherheit für vergebene Kredite und neuerdings waren es nicht mehr Museen – für die der Ankauf von Kunst zunehmend unerschwinglich wurde -, sondern Galerien waren die Orte, die Kunstliebhaber anzogen. Für Bilder von Stars wie Keith Haring wurden Wartelisten erstellt und in den Ateliers arbeiteten Künstler nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Sammler zogen an den Wochenenden durch Galerien, gaben Millionen aus, um das erstandene Werk bei nächster Gelegenheit gewinnbringend zu verkaufen. Andy Warhol hatte diese Entwicklung prophetisch vorweggenommen. In seinem Buch „POPism“ riet er der nächsten Generation: „Um als Künstler erfolgreich zu sein, muss man seine Arbeit in einer guten Galerie ausstellen. Dior hat seine neuen Kreationen nie an einer Woolworththeke verkauft. Es ist eine Frage des Marketings.“

Mit der neuen Vermarktungsstrategie wandelte sich auch die gesellschaftliche Position der Künstler. Wie von Warhol in den frühen 1960er Jahren vorbereitet, als er Musik, Kunst und Glamour vereinte und Suppendosen, Transvestiten oder Stars wie Marilyn Monroe zu gleichrangigen Kunstobjekten erklärte, kam es nun zur endgültigen Verschmelzung von Hoch- und Trivialkultur. Künstler entwickelten sich zu Stars, deren Gesichter auf Magazincovern abgedruckt wurden. Fortan waren sie keine anonymen Personen mehr, die lediglich wenige Eingeweihte in Museumsausstellungen erleben konnten, sondern sie wurden zu Gesprächsthemen in Bars und waren mit den Reichen und Schönen in angesagten Nachtclubs anzutreffen. Noch zählte Jean-Michel Basquiat nicht zu ihnen, aber er strebte es vehement an und bald sollte er seine Chance erhalten.

1981 wurde Basquiat zu der spektakulären Gruppenausstellung „New York/New Wave“, an der Größen wie Keith Haring, Robert Mapplethorpe, Andy Warhol, Graffitikünstler aus der New Yorker Szene, aber auch Dichter und Musiker wie Blondie und die Talking Heads beteiligt waren, eingeladen. Basquiat zeigte, noch immer unter seinem Pseudonym „SAMO“, mehr als zwanzig zeitlose Werke und erhielt immense Aufmerksamkeit sowie positive Resonanz der Kunstkritiker. Einflussreiche Galeristen und Kunsthändler wie Emilio Mazzoli, Bruno Bischofberger und Annina Nosei wurden auf den jungen Mann aufmerksam. Jean-Michel ahnte noch am Eröffnungstag, dass ihm ein Bravourstück gelungen war und kehrte gegen sechs Uhr morgens in sein Elternhaus nach Brooklyn zurück, um zuversichtlich zu verkünden: „Papa, ich habe es geschafft!“

Jean-Michel Basquiat, Untitled, 1980

Mittlerweile galt er in entsprechenden Kreisen als Geheimtipp. Er verkaufte regelmäßig Bilder und konnte es sich leisten, mit seiner damaligen Freundin Suzanne Mallouk eine Wohnung in der 151 Crosby Street in SoHo zu mieten.

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Im Anschluss an die „New York/New Wave“-Ausstellung wurde Basquiat von der renommierten Kunsthändlerin Annina Nosei eingeladen, an einer Gruppenausstellung in ihrer Galerie teilzunehmen. Die gebürtige Italienerin hatte diese ein Jahr zuvor in Soho eröffnet und galt als äußerst einflussreich. Nosei erinnert sich an den jungen aufstrebenden Künstler: „Er war ungeheuer interessiert an allem… am Leben, an Menschen, an Geschichte, an Wissenschaft…“ Sie erkannte sein Potenzial und besuchte ihn in seiner Wohnung. „Überall – in sämtlichen Räumen befanden sich unzählige Bilder, aber vor allem Zeichnungen – kaum Gemälde.“ Sie erkannte, dass Basquiat sowohl Malutensilien als auch einen Raum zum Arbeiten benötigte, bot ihm ein Geschäft an und wurde zu seiner ersten Händlerin. Fortan durfte er ihren Kellerraum als Atelier nutzen und schon bald machte das Gerücht in New York die Runde, die bekannte Galeristin Annina Nosei beherberge in ihrem Keller ein junges, schwarzes Genie – wild und undurchschaubar wie Kaspar Hauser – der am Fließband Meisterwerke fabriziere.

In der Tat arbeitete Basquiat wie besessen und seine Werke voller explosiver Energie und flüchtig hingekritzelter Linien verkauften sich sensationell. Namen von persönlichen Helden tauchten in seinen Bildern auf, wobei es sich hierbei zumeist um Schwarze handelte, die in ihrem Leben Rassismus erfahren mussten und gleichwohl Großes erreicht haben, wie Muhammad Ali, Sugar Ray Robinson, Charlie Parker oder Miles Davis und die deshalb von Basquiat häufig mit einer Krone, die zu seinem Markenzeichen werden sollte, versehen wurden.

Jean-Michel Basquiat, Untitled (Crown), 1982

Im atemberaubenden Tempo produzierte er Bilder, für die Nosei zuweilen noch vor ihrer Fertigstellung Käufer, die bereit waren, zwischen 5000 und 10.000 Dollar für ein Werk zu bezahlen, akquirierte. Basquiats Aufstieg war beispiellos und er durchschaute die Mechanismen des Kunstmarktes nur allzu gut.

Basquiats Bilder waren durchzogen vom Großstadtleben. Sie wirkten schnell, flüchtig und scheinbar unzusammenhängend. „Die sehen aus, wie von einem sehr begabten Kindergartenkind“, war die spontane Reaktion einer Freundin beim Betrachten seiner Werke. In der Tat muten Basquiats Bilder mit ihrem Verzicht auf perspektivische Gesetzmäßigkeiten, den einfachen Strichzeichnungen, der Verwendung von intensiven Farbtönen, den scheinbar wahllos platzierten Symbolen sowie dem chaotischen Sammelsurium aus Zeichnungen und Buchstaben, gelegentlich wie Kinderzeichnungen an, was durchaus beabsichtigt war. Basquiat betonte wiederholt sein Faible für Kinderzeichnungen, die er für interessanter hielt, als manche Werke namhafter Künstler. „I want to make paintings that look as if they were made by a child.”

Basquiat schien seine kulturelle Umgebung, egal ob Kunst, Musik oder Mode – Bereiche die zu Beginn der 1980er Jahre in New York ohnehin eine unwiderstehliche Verbindung eingingen – förmlich aufzusaugen und als leidenschaftlicher Büchersammler setzte er sich intensiv mit verschiedensten Themengebieten auseinander. Notizblöcke, Gedichte und Nachschlagewerke, darunter anatomische Fachliteratur, zahlreiche kunsthistorische Enzyklopädien sowie Schriften über afrikanische Felszeichnungen und weitere fremde Kulturen, befanden sich in seinem Besitz. Stets verteilte er beim Malen diverse aufgeschlagene Bücher um sich herum, aus denen er – neben dem beständig tonlos laufenden Fernseher sowie lauter Musik – seine Inspirationen gewann.

Als mit 21 Jahren jüngster Künstler wurde Basquiat zur Teilnahme an der internationalen Ausstellung „Documenta 7“ in Kassel eingeladen, die vor allem durch den spektakulären Beitrag von Joseph Beuys in Erinnerung geblieben ist, der mit seiner Aktion „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ und der damit verbundenen Pflanzaktion von 7000 Bäumen im ganzen Stadtgebiet für rege Diskussion sorgte. Basquiats Arbeiten wurden neben denen so etablierter Künstlern wie Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Andy Warhol ausgestellt.



Basquiats Ausstellungen glichen zu jener Zeit Triumphzügen, bei deren Eröffnungen sich ein kunstinteressiertes sowie finanzkräftiges Publikum vor den ausgestellten Werken drängelte. Bei mancher Gelegenheit düpiert Basquiat die Anwesenden, indem er Marihuana rauchend und mit Kopfhörern auf den Ohren durch die Galerie schlenderte und damit unmissverständlich zum Ausdruck brachte, dass er zwar Teil der elitären Kunstwelt war – ein Ziel, das er entschlossen und akribisch verfolgt hatte -, an dieser dennoch nur eingeschränktes Interesse besaß. Eine Ambivalenz, die ihn durch seine Karriere begleitete.

Gegenüber interessierten Kunden zeigte Basquiat sich wiederholt launisch. Es kam vor, dass er betuchte Kunstsammler, die eines seiner Gemälde erwerben wollten, vor den Kopf stieß und ihnen das gewünschte Bild nicht verkaufte. Seine Vermarktung kommentiert er teils drastisch. Eines seiner Gemälde („Five Thousand Dollar“) gestaltete er, indem er lediglich den Wert auf die Leinwand schrieb, ohne jeglichen weiteren Inhalt darzustellen und griff damit eine Idee von Warhol auf, der bereits 1961 eine Reihe von Siebdrucken, die aus farbigen Dollarzeichen bestanden, angefertigt hatte. Ein Kunstwerk besaß mittlerweile einen in Geld zu messenden Wert, der gänzlich losgelöst vom Bildinhalt existierte.

Es ist leicht vorstellbar, dass infolge derartigen Verhaltens persönliche Differenzen zu seiner Galeristin Annina Nosei nicht ausblieben. Basquiat, ohnehin ein überaus launischer Mensch, räumte in der Rückschau ein: „Ich hatte Geld. Ich habe die besten Bilder aller Zeiten gemacht. Ich war ziemlich isoliert, habe viel gearbeitet, viele Drogen genommen und habe mich schrecklich benommen.“

Jean-Michel Basquiat war mittlerweile ein reicher Mann, der lediglich drei Jahre zuvor ohne festen Wohnsitz an manchem Morgen auf einer harten Bank im Tompkins Square Park erwachte.

Ich sitze soeben auf solch einer Bank und genieße in der Morgendämmerung mein aus einem Kaffee und einem Bagel bestehendes Frühstück, das ich mir kurz zuvor in einem der zahlreichen kleinen Shops im East Village besorgt habe.

Mit einem Eichhörnchen, das neben mir Platz genommen hat und mit dem ich bereitwillig mein Essen teile, einigen Hundebesitzern, die vor Arbeitsbeginn eine Runde mit ihrem vierbeinigen Mitbewohner durch den Park drehen und den Vögeln, die auf den Ästen der hohen Ulmen, die das Areal prägen, zwitschernd den Tag begrüßen, bin ich einer der ersten Munteren im erwachenden New York.

Tompkins Square Park

So idyllisch wie in diesem Moment ging es hier nicht immer zu. 1874 fand im Tompkins Square Park die erste Arbeiterdemonstration in der amerikanischen Geschichte statt, in den 1960er Jahren stellte der Park den Haupttreffpunkt der Hippies in New York dar und war Schauplatz vieler Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Zu jener Zeit als Basquiat sich hier herumtrieb, verkam der Park zu einem von Drogenhandel und hoher Kriminalität geprägten Ort, der 1991 traurige Berühmtheit erlangte, als es bei dem Versuch der Polizei, die zahlreichen Obdachlosen, die im Tompkins Square Park ein zu Hause gefunden hatten, zu vertreiben, zu blutigen Unruhen kam. Zahlreiche Obdachlose wurden Opfer von offenkundig überzogener Polizeigewalt. In der Folge wurde der Park vorübergehend geschlossen und neu gestaltet. Mittlerweile lockt er mit seinen Spielplätzen und Sportfeldern in erster Linie junge New Yorker Familien an.

Basquiats rasanter Aufstieg von einem zeitweiligen Obdachlosen zum vermögenden Kunst-Star war einzigartig. Innerhalb kürzester Zeit erlebte er zwei gänzlich unterschiedliche Welten – ein Phänomen, das sein Leben zu prägen schien. Geboren als farbiger US-Amerikaner mit haitianischen Wurzeln, aufgestiegen vom jugendlichen Herumtreiber zu einer berühmten Persönlichkeit, die sich in einer von Weißen geprägten Kunstszene bewegte, lässt sich Basquiats Lebenslauf als der einer Person lesen, die in einer stetigen Zerrissenheit gelebt hat und sich nie gänzlich in ihrer aktuellen Lebenssituation zu Hause gefühlt haben dürfte.

East Village

Mit meinem Plastikbecher, aus dem der verbliebene Kaffee dampft, in der Hand schlendere ich durch die morgendlichen Straßen des East Villages und erreiche bald den Ort, an dem einst die „Fun Gallery“ (254 East 10th Street) beheimatet war. Diese wurde 1981 von Patti Astor gegründet, einer Filmschauspielerin, die in den 1970er Jahren in einigen Underground-Filmen mit Regisseuren wie Jim Jarmusch und Eric Mitchell mitgewirkt hat und in der East Village-Kunstszene der 1980er Jahre eine zentrale Rolle spielte. Die Fun Gallery wurde bekannt als „die erste Kunstgalerie im East Village“ sowie die erste Kunstgalerie in New York, die vorrangig Graffiti-Künstlern eine Bühne bot.

Obwohl er mittlerweile ein exquisiteres Publikum erreichte, sagte Basquiat zu – nicht zuletzt um seine noch immer vorhandene Verbundenheit mit dem East Village und der dortigen Subkultur zum Ausdruck zu bringen – im November 1982 eine Einzelausstellung in der Fun Gallery zu veranstalten. Die ausgestellten Gemälde bot er, ohne Berücksichtigung des aktuellen Marktwerts, zu vergleichsweise günstigen Preisen an. Seine Galeristin Annina Nosei hielt die Ausstellung sowie die Verkaufsstrategie für unpassend. Es kam zum Streit zwischen den beiden und somit markiert Basquiats Auftritt in der Fun Gallery das Ende der Verbindung mit seiner ersten Händlerin.

Union Square

Ich habe mittlerweile den lebhaften Union Square erreicht, wo es zwar nicht mehr derart turbulent wie in der Vergangenheit zugeht, als dieser Platz für radikale politische Protestaktionen sowie seinen florierenden Drogenhandel berühmt und berüchtigt war, aber dennoch herrscht hier eine quirlige Fröhlichkeit. An der Westseite entdecke ich das Gebäude, in dem Andy Warhol 1968 sein „Factory“ genanntes Atelier bezog und viele seiner Undergroundfilme produzierte.

Die einstige „Factory“ am Union Square

In jenen Räumen wurde der Kunst-Superstar durch die Schüsse der radikalen Frauenrechtlerin Valerie Solanas lebensgefährlich verletzt. Am 3. Juni 1968 betrat diese die Factory und zog, nach einem kurzen Wortwechsel, eine 32er Baretta aus ihrer Einkaufstüte und feuerte drei Schüsse, mit verheerenden Folgen, auf Warhol ab. Die Kugeln durchbohrten Warhols Lungenflügel, Galle, Magen, Speiseröhre und Leber. Er entrann dem Tod nur knapp, litt aber zeitlebens körperlich und seelisch unter den Folgen des Attentats.

Mit zunehmender Anerkennung in der Kunstwelt suchte Basquiat die Nähe zu Andy Warhol, den er sehr verehrte, der jedoch zunächst reserviert reagierte. Generell hatte sich die Factory spätestens seit dem Attentat zu einem Ort entwickelt, der nicht mehr derart zugänglich war wie in den Anfangszeiten, als Warhol nahezu jedem, der ein wenig sein Interesse erweckte, die Türen geöffnet hatte. Doch mithilfe eines gemeinsamen Bekannten gelangte Basquiat letztlich in die Factory. Andy Warhol erinnerte sich offenbar an ihr erstes Zusammentreffen, als Basquiat ihm in einem Restaurant eine Postkarte zum Kauf anbot (s. Teil 1) und begrüßte ihn mit den ironischen Worten: „Verkaufen sie ihre Gemälde immer noch für einen Dollar?“ Die beiden entwickelten erstaunlich schnell einen Draht zueinander. Warhol schoss mehrere seiner unvermeidlichen Polaroidaufnahmen von Basquiat und später posierten sogar beide gemeinsam für einige Fotos. Von diesem Erlebnis war Basquiat derart beeindruckt, dass er noch am selben Tag ein Doppelporträt der beiden Künstler malte und, noch mit feuchter Farbe wie es hieß, bei dem Pop-Art-Meister ablieferte.

Jean-Michel Basquiat, Dos Cabezas, 1982

Die beiden Künstler, die von ihrem Wesen in vielerlei Hinsicht so unterschiedlich zu sein schienen, freundeten sich an und waren fortan häufig gemeinsam im New Yorker Nachtleben anzutreffen.

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Auch abgesehen vom Altersunterschied strahlten sie auf den ersten Blick nur wenig Gemeinsamkeit aus, was sich auch in ihren jeweiligen Bildstilen widerspiegelte. Andy Warhol trat stets höflich, scheu und darum bemüht keinerlei Emotionen zu zeigen auf, wohingegen Basquiat für seine Launen und seine mitunter aggressiv-ungestüme Art bekannt war. Während Basquiat zu tun schien, was ihm in den Sinn kam, schaute Warhol anderen gerne passiv bei ihren Aktivitäten zu. Dennoch bestand zwischen Basquiat und Warhol eine Übereinstimmung. Beide waren Workaholics. Basquiat malte ständig – Tag und Nacht – egal wo er war und auf scheinbar alles, was er als Leinwand für seine Ideen zweckentfremden konnte und in Warhols Factory lehnten immerzu neue Bilder an den Wänden, Polaroids stapelten sich und Ideen entstanden im Minutentakt.

Whitney-Museum

1983 erfolgte ein weiterer Ritterschlag für Basquiat, als er bei der Whitney Biennale, einer alle zwei Jahre stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Kunst, präsentiert wurde. Diese gilt als eine der führenden Veranstaltung in der Kunstwelt und ist bekannt für ihren richtungsweisenden Einfluss. Die Kuratoren waren der Ansicht, dass der erst 22 Jahre alte Basquiat ein bedeutsamer Teil des Weges sein werde, den die Kunst in der nahen Zukunft nehmen werde.

Great Jones Street 57 (2018) (c) Brigitte King

Basquiat zog kurz darauf in die 57 Great Jones Street, in ein Gebäude, das er von Andy Warhol mietete, der das Haus vor einigen Jahren erworben hatte, um dort einige seiner Undergroundfilme zu produzieren. Die beiden verband mittlerweile eine enge Freundschaft. Sie arbeiteten zusammen, besuchten gemeinsam Kunstereignisse und diskutierten regelmäßig – mitunter stundenlang – über das Leben. Bei derartigen Gesprächen ermutigte Warhol seinen Freund, von dem er möglicherweise den Eindruck gewann, diesem fehle es trotz seiner zahlreichen Bekanntschaften an wahrer emotionaler Zugehörigkeit, wiederholt inständig, sich intensiver um seine Familie zu kümmern.

Auf Anregung des Galeristen Bruno Bischofberger begannen Warhol und Basquiat künstlerisch zusammenzuarbeiten. Andy Warhol, als Vertreter der Pop Art, brachte grafische und serielle Elemente in seinem klaren, oft kühl wirkenden Stil in die Kooperation ein, während Basquiat mit seinen emotionalen ausdrucksvollen Gesten und seiner Mischung aus Symbolen, Piktogrammen und Buchstaben den temperamentvollen Gegenpol beisteuerte. Von der Kunstkritik wurde die Zusammenarbeit überwiegend negativ aufgenommen. Die unterschiedlichen Stile würden nur selten in einen befruchtenden Dialog treten, sondern zumeist isoliert nebeneinanderstehen, lautete der Tenor in zahlreichen Besprechungen. Auch wenn die Kooperation ursprünglich eine findige und durchsichtige Geschäftsidee von Bischofberger gewesen sein mag, haben die beiden Künstler die Zusammenarbeit genossen und sind sich dabei auch persönlich sehr nahegekommen. Basquiat brachte der Factory, die sich in den vergangenen Jahren zu einem – im Vergleich zu den bunten 1960er Jahren – nahezu sterilen und bürokratischen Kunstbüro entwickelt hatte, eine neue Lebendigkeit sowie den konstanten süßlichen Marihuanageruch, der Basquiat stetig umgab.

Jean-Michel Basquiat and Andy Warhol, Arm and Hammer II, 1984

Neben der Kooperation mit Andy Warhol und der erblühenden Freundschaft zwischen den beiden Kunststars bestand Basquiats Hauptaktivität zu jener Zeit im Reisen. Wie ein Getriebener flog er, gelegentlich mit dem Überschallflieger Concord, um die Welt. Seine Ziele waren unter anderem Jamaica, Europa, Hawaii, Tokyo und Los Angeles, wo er einige Tage mit einer wilden aufstrebenden Sängerin namens Madonna, die nur eine von vielen seiner Affären war, verbrachte. An jedem Ort richtete er sogleich ein provisorisches Atelier ein und malte weiterhin wie besessen. „If I’m away from painting for a week, I get bored”, bekannte er.
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Seine Inspirationen fand Basquiat buchstäblich überall – im Müll auf der Straße, auf Speisekarten in Restaurants, in Songs, Filmen und Werbespots. Er schnappte einzelne Worte in Gesprächen auf oder schlug scheinbar wahllos Bücher auf und suchte nach einem Begriff, der ihn ansprach. Das Vorgefundene veränderte er und passte es seinem wiedererkennbaren Stil an. Er strukturierte die Leinwand mit Zitaten, Ziffern und Linien, wobei die Ergebnisse oftmals an Mind Maps, mit denen komplexe Zusammenhänge geordnet werden, erinnerten. In diesem künstlerischen Ansatz lässt sich die Cut-up-Technik der Beat-Autoren, wie William S. Burroughs, die Basquiat sehr schätzte, wiedererkennen, die durch den bewusst herbeigeführten Zufall Worte, Sätze oder Textbausteine neu zusammenfügten, um ihnen somit einen neuen, unerwarteten Sinn zu verleihen. Bemerkenswerterweise kreierten DJs, eine Rolle die Basquiat auch zu jener Zeit noch gerne in Clubs ausübte, zu jener Zeit sehr ähnliches an ihren Mischpulten mit Schallplatten.

Embed from Getty ImagesDie Werte seiner Bilder stiegen – auch wenn noch weit von den Summen entfernt, die mittlerweile auf Kunstauktionen erreicht werden – explosionsartig. Basquiats Gemälde Untitled (Skull), das er lediglich ein Jahr zuvor für 4000 Dollar verkauft hatte, erzielte bei einer Auktion die damalige Rekordsumme von 19.000 Dollar. Selbst dieser Wert erwies sich als eine gewinnbringende Investition, denn die beiden Töchter des damaligen Käufers erzielten vor wenigen Monaten bei einer Auktion mehr als 110 Millionen Dollar, womit Untitled (Skull) zum teuersten Werk, das jemals ein US-Künstler gemalt hat, wurde.

1985 erschien Basquiat auf dem Cover des angesehenen New York Times-Magazins und war seit diesem Zeitpunkt nahezu jedem New Yorker, unabhängig vom persönlichen Kunstinteresse, bekannt. Sein Vater, Gerard Basquiat, erinnert sich, dass sein Sohn an jenem Sonntag zusammen mit Andy Warhol und einem Stapel der entsprechenden Times-Ausgabe zu ihm nach Brooklyn kam, um den Ruhm und Erfolg des mittlerweile Vierundzwanzigjährigen zu feiern. Doch der Titel des Artikels, „The Marketing of an American Artist“, deutete an, dass sein Sohn sowohl Nutznießer als auch Opfer des damaligen Kunsthypes war.

Während Basquiat mit Jennifer Goode eine Beziehung einging, die viele als die ernsthafteste seines Lebens bezeichneten, machte sich sein Umfeld zunehmend Sorgen über dessen mittlerweile überbordenden Drogenkonsums, der zu wiederkehrenden Phasen der Paranoia bei Basquiat geführt haben soll. Goode erinnert sich an ihr erstes Zusammentreffen. „Ich habe ihn im Area [ein angesagter New Yorker Club in den 1980er Jahren; Anm. d. Autors] getroffen. Er kam mit einer ganzen Gruppe von Leuten und er hat alles für jeden bezahlt. Ich war von seiner Großzügigkeit beeindruckt. Außerdem war er charismatisch, gut aussehend, lustig und intelligent.”

Basquiats sich verschlechternde Gesundheit wurde zunehmend unverkennbar. Insbesondere die dunklen Flecken, die auf seinem Gesicht auftauchten, blieben seinem Umfeld nicht verborgen. Diese Verfärbungen könnten durch die Entfernung seiner Milz, infolge des Unfalls, der sich in seiner Kindheit ereignet hatte (s. 1. Teil), verursacht worden sein, die seinen Körper daran hinderte, die Giftstoffe der konsumierten Drogen hinreichend abzubauen.

Dessen ungeachtet hielt Basquiats Schaffenswut unvermindert an. Seine damalige Lebensgefährtin Jennifer Goode erinnert sich: „Er arbeitete wie besessen – den ganzen Tag und die ganze Nacht.“ In den großen Atelierräumen der Factory, in denen er gemeinsam mit Warhol arbeitete, türmten sich überdimensionale Leinwände, denn die beiden Künstler, die es verstanden hatten, dem Zeitgefühl ihrer jeweiligen Epoche einen visuellen Ausdruck zu verleihen, ergänzten sich in ihrer Tatkraft.

Andy Warhol & Jean-Michel Basquiat

Die gängige Annahme, Warhol sei nicht in der Lage gewesen, Zuneigung zu empfinden, wird mit einem Blick in dessen Tagebuch entkräftet. Seite um Seite füllt er mit seinen Sorgen im Hinblick auf Basquiats Drogenkonsum und er ärgerte sich maßlos darüber, wenn dieser, während er sich seine Schuhe schnürte, auf dem Fußboden im Atelier einschlief.

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Warhol war besorgt um seinen Freund. Er ahnte wohl, dass Basquiats Weg in einer Katastrophe enden würde, wenn es ihm nicht bald gelänge, seine Lebensweise zu verändern. Doch die ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden sollte schon bald auf eine andere, ungeahnte Weise enden.




Ein Gedanke zu “Unterwegs… in New York City

  1. Toller Bericht! Schade ,das du 1982 noch nicht auf der Documenta 7 in Kassel warst. Hätte dir sicher sehr ,sehr gut gefallen.

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