Unterwegs… in New York City

„…der Höhepunkt des Surrealen“ – Stormé deLarverie & das Chelsea Hotel

(c) M.Graß

„Woke up, it was a chelsea morning, and the first thing that I saw was the sun through yellow courtains and a rainbow on the wall.”

(Joni Mitchell, aus dem Song “Chelsea Morning”)

 

Ich stehe vor dem legendären Chelsea Hotel, hinter dessen ehrwürdigen Mauern die kanadische Songwriterin Joni Mitchell einst erwachte und sich von den ersten blendenden Sonnenstrahlen des Tages zu ihrem Song „Chelsea Morning“ inspirieren ließ. Als ich das Hotel heute Morgen aus einiger Entfernung erspähe, halte ich instinktiv für einige Momente ehrfürchtig inne. Für jemanden der sich für die amerikanische Kunst- und Kulturszene der sechziger Jahre begeistert, ist das Gebäude ein geradezu heiliger Ort, der mir bislang nur in Fantasien, Legenden und vergilbten Fotoaufnahmen begegnet ist und dem gerade deshalb gegenwärtig noch etwas Irreales anhaftet.

Ich schaue hinüber zu dem zwölfstöckigen, 1884 im viktorianisch-gotischen Stil erbauten, roten Backsteingebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zu den großen Fenstern, hinter den zum Teil begrünten und mit Blumenornamenten verzierten, schmiedeeisernen Balkonen, die es ermöglichen weitestgehend auf künstliches Licht in den Zimmern zu verzichten, weshalb viele Künstler, die hier in der Vergangenheit gewohnt haben, ihre Hotelzimmer kurzerhand zum Atelier umfunktioniert haben.

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Chelsea Hotel im Jahre 1947

Bis zur Errichtung des Flatiron-Buildings im Jahre 1902, das nur etwa 700 Meter entfernt an derselben Straße liegt, hatte das Chelsea den Titel als „höchstes Gebäude New Yorks“ inne. Zunächst als Appartementhaus für Wohlhabende konzipiert, wurde es bald in ein Hotel umgewandelt, dessen Geschicke seit 1946 von drei aus Ungarn stammenden Geschäftspartnern, David Bard, Joseph Gross und Julius Krauss, gelenkt wurden, in deren Familienbesitz das Hotel 65 Jahre lang verblieb.

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Andy Warhol am Set von „Chelsea Girls“ (1967)

Seinen legendären Ruf hat sich das Hotel insbesondere in den sechziger Jahren durch die New Yorker Undergroundkunstszene rund um Andy Warhol erworben, die sich von dem Ambiente des Hotels zu allerlei Aktivitäten beflügeln ließ. 1966 setzte Warhol mit seinem Experimentalfilm „The Chelsea Girls“ der Künstlerabsteige und ihren Bewohnern, die in dem mehr als dreistündigen Film vorgestellt werden, ein Denkmal. Ein Film, der die abgründigen Seiten des modernen Großstadtlebens – mit exzessivem Drogengebrauch und sexuellen Perversionen, Psychoterror und Paranoia, Gewalt und Narzissmus – offenlegte.

(c) M.Graß

In Höhe des Eingangs überquere ich die vierspurige, belebte Straße und betrachte zunächst die zahlreichen, an Berühmtheiten aus der illustren Gästeliste erinnernden Messingschilder, rechts und links des Eingangsportals, durch das zahlreiche prominente Menschen das Hotel betreten haben – wobei nicht jeder von ihnen das Haus lebend wieder verlassen hat.

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Ich trete unter den rot-weiß gestreiften Baldachin zum Eingang, öffne die schlichte, gläserne Tür, betrete ehrfürchtig das Foyer und bin sogleich tief berührt, denn ich bin in eine Welt getaucht, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Zu meiner großen Freude gleicht die Umgebung den alten Fotos, die mir aus Bildbänden bekannt sind, auf das Genaueste. An den Wänden hängen dicht gedrängt Ölgemälde ehemaliger Bewohner und an der Decke baumelt eine rosarote Pappmaschéfrau auf einer Schaukel, unter der einige Touristen ihre Rollkoffer gemächlich über den Marmorboden der Lobby schieben.

(c) Stefanie Moritz

Diese künstlerische Atmosphäre und seinen entsprechenden Ruf hat das Chelsea Hotel Stanley Bard, der die Leitung 1957 von seinem Vater übernahm und ein großes Herz für Künstler und Gestrandete hatte, zu verdanken. Seine Gäste ließ er offene Rechnungen wahlweise mit Geld oder Bildern bezahlen – manchmal auch mit vagen Versprechungen.

(c) Stefanie Moritz

Noch immer zieren die Bilder der zahlreichen Künstler, die in der Vergangenheit ihre Hotelrechnungen nicht mit Barschaft begleichen konnten, die Wände der Empfangshalle, die somit zu einer Galerie umfunktioniert wurde. Ich erblicke eine in Öl gemalte nebelige, englische Winterlandschaft, ein in schwarz-weiß-Tönen gehaltenes Bild, auf dem afrikanische Masken und Ornamente zu sehen sind, einen riesigen, weißen Pferdekopf, ein grelles Pop Art-Bild, das ein springendes Zebra zeigt, sowie einen liegenden, weiblichen Akt, der oberhalb der Eingangstür angebracht wurde. Zwei Kristallkronleuchter sowie einige altmodische Stehleuchten tauchen den Raum in ein angenehmes, warmes und leicht dämmriges Licht und ein rustikaler Kamin, auf dessen Sims eine Büste von Harry Truman thront, sowie diverse herrlich unmoderne und bereits ein wenig zerschlissene Sitzmöbel strahlen eine behagliche Atmosphäre aus. Ein leicht muffiger Geruch schwebt durch die Luft. Ich setzte mich auf das grau-braun karierte Sitzpolster einer dunklen Holzbank, unmittelbar neben dem Kamin und lasse die Atmosphäre auf mich wirken.

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Jack Kerouac

Die Liste geschichtsträchtiger Namen und Ereignisse, die im Zusammenhang mit dem Hotel Chelsea stehen, ist lang. Mark Twain und Thomas Wolfe, der hier 1940 sein Werk “You Can’t Go Home Again” schrieb, in dem er mit Scharfblick die veränderten Verhältnisse in Deutschland analysierte, lebten hier und die Poeten Allen Ginsberg und Gregory Corso wählten den Ort in den 1950er Jahren für ihren intellektuellen Austausch. Die Schriftsteller und wichtigsten Vertreter der Beat-Generation Jack Kerouac und William Burroughs verfassten hier ihre Hauptwerke. Borroughs Roman „Naked Lunch“ entstand in diesem Haus und Kerrouac erreichte den Höhepunkt seiner Karriere, als er im Hotel seinen Roman „On the Road“ verfasste, den er innerhalb von nur drei Wochen auf einer langen, aus Zeichenpapier zusammengeklebten Papierrolle tippte, um seinen Schreibfluss nicht durch lästige Papierwechsel unterbrechen zu müssen. Bob Dylan verfasste den Song “Sad Eyed Lady Of The Lowlands” in Zimmer 211, Arthur C. Clarke schrieb das Drehbuch zu „2001 – A Space Odyssey“, Mark Rothko nutze den  alten Speisesaal als Atelier und Leonard Cohen erinnert sich in seinem Song „Chelsea Hotel No.2“ an einen Blowjob von Janis Joplin, den er auf seinem ungemachten Hotelbett empfing.

Humphrey Bogart verbrachte in den Hotelkissen seine Hochzeitsnacht mit Lauren Bacall und Arthur Miller lieferte sich mit Marilyn Monroe einen handfesten Streit in der Lobby. Er verharrte nach der Trennung mit Hollywoods berühmtester Blondine gleich fünf Jahre hier und hat mehrere seiner Dramen auf seinem Zimmer verfasst. In einem Essay mit dem Titel „The Chelsea Effect“ schrieb er: „Dieses Hotel passt nicht zu Amerika. Es gibt keine Staubsauger, keine Regeln und keine Scham … es ist der Höhepunkt des Surrealen.“

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Arthur Miller & Marilyn Monroe

Auch Dylan Thomas lebte hier, wobei er zu den tragischen Figuren gehört, die das Hotel auf einer Trage liegend verlassen mussten. „Das muss ein Rekord sein“, verkündete er stolz, als er im November 1953 nach 18 Whiskeys in der nahegelegenen White Horse Tavern die Rezeption erreichte, bevor er dort zusammenbrach und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb.

White Horse Tavern
(c) Mario Graß

Ich lasse meinen Blick durch das Foyer schweifen. In einem schweren, braunen Samtsessel sitzt ein etwa fünfzigjähriger Herr – ich vermute ein Schriftsteller oder Journalist – auf dessen Knien ein Laptop ruht, der wechselnd seine Finger über die Tastatur bewegt oder mit starrem Blick aus dem gegenüberliegenden Fenster schaut. In einer Zimmerecke fläzt sich ein junger Mann mit wuscheliger Bob Dylan-Frisur, vertieft in eine Zeitung, in einem beigefarbenen Ledersessel. Menschen durchqueren die Lobby, halten ein kurzes Pläuschchen und trennen sich wieder. Die Szenerie wirkt surreal verlangsamt. Die Zeit scheint still zu stehen. Eine alte Dame, die einen abgegriffenen, braunen Stoffhut trägt, betritt die Lobby, schaut sich um und verharrt in einer eigenwilligen Mischung aus erwartender Präsenz und zeitloser Melancholie.




Auch wenn meine Gedanken wiederholt in die Vergangenheit entgleiten, zieht das Chelsea Hotel nach wie vor kreative Köpfe an. So lebt etwa Joseph O`Neill, dessen feinsinniger Erfolgsroman „Niederland“ in Teilen im Hotel spielt, seit einigen Jahren mit seiner Frau und seinen drei Söhnen hier.

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Das Treppenhaus im Chelsea Hotel

In jüngerer Vergangenheit verbrachte der Songwriter Ryan Adams mehrere Wochen im Hotel und komponierte in Erinnerung an diese Zeit den Song „Hotel Chelsea Night“. Der Musiker Rufus Wainwright lebte ein Jahr im Chelsea, um am Material für sein zweites Album zu arbeiten. „Ich habe dort Anekdoten gesammelt und oft mit Alexander McQueen gefeiert. Ich spürte, dass es für das Album, das ich schrieb, keine bessere Adresse gab.“

Er reiht sich ein in die lange Liste von Musikern, die sich von der Atmosphäre des Chelsea Hotels angezogen fühlten. Neben der eingangs erwähnten Joni Mitchell, deren Song elf Jahre später Hillary und Bill Clinton dazu anregte, ihre gemeinsame Tochter auf den Namen Chelsea taufen zu lassen, verbrachten Musikgrößen wie John Lennon, Keith Richards, Pink Floyd und Jimi Hendrix, der von einer älteren Dame für einen Hotelpagen gehalten wurde und bereitwillig die Koffer auf das entsprechende Zimmer schleppte, hier manche – wohl nicht immer ganz ruhige – Nacht. Der 2002 verstorbene Punkmusiker Dee Dee Ramone bewohnte, nachdem er die Band „The Ramones“ verlassen hatte, das Zimmer mit der Nummer 100 und verfasste dort die Novelle „Chelsea Horror Hotel“ und der österreichische Musiker Falco drehte 1984 vor Ort ein Video zu dem Titel „No answer“, in dem er telefonierend auf einem der Hotelbetten liegt, während sich eine dunkelhaarige Schönheit, lediglich mit einem weißen String bekleidet, verführerisch neben ihm räkelt. Ihren String legte, knapp 10 Jahre später, Madonna ab und tauschte ihn gegen schwarze Lackstiefel, um sich in Zimmer 822 für ihren Erotikbildband „Sex“ ablichten zu lassen.

Ich blicke hinüber zu der alten Frau, die seit geraumer Zeit bedachtsam, mit kurzen Schritten in der Lobby auf und ab geht und gelegentlich ein paar flüchtige Worte mit vorbeikommenden Personen wechselt, schaue auf den bewegungslosen Hinterkopf des imaginären Schriftstellers und vernehme gelegentlich das leise Klackern seiner Tastatur. Eine außergewöhnliche Spannung liegt in der Luft und ich fühle mich mittlerweile wie in einer kafkaesken Szene eines Jim Jarmusch – Films. Dunkle, rätselhafte Geheimnisse scheinen hier verborgen. Seit jeher heißt es, dass sich Geister in der Lobby sowie in den langen Gängen und manchen Zimmern des Hotels aufhalten und ich sehe keinen Grund dies zu bezweifeln. Der 1979 verstorbene Punkmusiker Sid Vicious und seine zuvor ermordete Freundin Nancy Spungen sollen bereits mehrfach gesichtet worden sein und gelegentlich im Fahrstuhl ahnungslose Hotelgäste erschrecken. Auch im Zimmer Nr. 100, wo sich der tragische Höhepunkt der stürmischen Beziehung des selbstzerstörerischen Paares abspielte, wurden sie angeblich bereits mehrfach erblickt.

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Sid & Nancy

Mit dem Klingeln des Telefons an der Hotelrezeption begann am späten Vormittag des 12. Oktobers 1978 die Tragödie. Ein Angestellter nahm den Anruf – der nachweislich von außerhalb des Hotels kam – entgegen, woraufhin eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung erklärte: „Es gibt Schwierigkeiten in Zimmer Nr. 100“. Ein Page wurde geschickt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Noch bevor dieser das Zimmer erreichen konnte, läutete erneut das Telefon in der Empfangshalle. Dieses Mal kam der Anruf aus jenem Zimmer Nr. 100 und eine weitere männliche Stimme stammelte: „Jemand ist krank … brauchen Hilfe …“. Inzwischen hatte der Page das Zimmer erreicht und nach Betreten des Raumes schaurige Entdeckungen machen müssen. Das große Bett war blutgetränkt und im Badezimmer fand er den spärlich bekleideten, blutüberströmten Körper einer platinblonden, jungen Frau. Die eiligst herbeigerufenen Sanitäter konnten nur noch ihren Tod feststellen. Die Polizei, die kurz darauf den Tatort untersuchte, entdeckte im Zimmer diverse Drogen, sowie ein bluttriefendes Klappmesser, in dessen Griff ein Jaguar geschnitzt war.

Das Opfer war Nancy Spungen, die das Zimmer mit Sid Vicious, dem Bassisten der Punkband „The Sex Pistols“, geteilt hatte. Den Musiker fand man rasch in unmittelbarer Nähe des Zimmers auf dem Hotelflur, wo er weinend und offenbar verwirrt auf und ab ging. Sein Gesicht wies Spuren einer heftigen Schlägerei auf und er stammelte: „Ich hab´ sie umgebracht … Ich kann nicht ohne sie leben … Sie ist auf das Messer gefallen …“ Vicious stand offensichtlich unter Drogen und leistete einigen Widerstand, als die Polizei ihn verhaften wollte. Schließlich gelang es, den Musiker zu überwältigen, ihm Handschellen anzulegen und ihn abzuführen.

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Sid Vicious wird von der Polizei aus dem Hotel geleitet

Gegen Zahlung einer Kaution, die seine Plattenfirma Virgin Records für ihn stellte, wurde Sid Vicious im Februar 1979 bis zum geplanten Gerichtstermin auf freien Fuß gesetzt. Er bezog noch am selben Tag erneut das Zimmer Nr. 100 im Chelsea Hotel und lud zu einer Feier anlässlich seiner Freilassung ein, während derer er sich eine Überdosis Heroin injizierte und in dem gleichen Zimmer verstarb, wie zuvor seine Freundin Nancy. Wer der ominöse erste Anrufer am Morgen des 12. Oktobers 1978 war, konnte indes nie ermittelt werden.




Ich beobachte mit wachsender Faszination die alte Dame, die ich auf mindestens 80 Jahre schätze. Sie trägt eine blaue, abgewetzte Jacke über ihrer Bluse, eine braune Wildlederhose und besagten Stoffhut, unter dem ihre grauen Haare hervorschauen. Die Kleidung wirkt betagt und stark beansprucht. Am rechten Handgelenk trägt sie mehrere Holzarmbänder, am linken ein etwa 5 cm breites schwarz-rotes Lederarmband sowie silberne Ringe an mehreren Fingern. Der Schmuck trägt dazu bei, dass ich die Frau keinesfalls als verwahrlost wahrnehme. Die alte Dame hat durchaus Sinn für Stil und achtet offenbar auf ihr – zugegebenermaßen etwas unkonventionelles – Äußeres. Ich bin mir sicher, sie kleidet sich ganz bewusst so und mir schwant, dass mich genau das beeindruckt. Jede ihrer Gesten und Handlungen wirkt außerordentlich bewusst. Sie bewegt sich – wie alle hier – sehr langsam und ihrem Alter entsprechend leicht gebückt, aber nie ziellos und wenn sie mit jemandem ein paar Worte wechselt, genießt dieser ihre volle Aufmerksamkeit.

Da ich mir sicher bin, einen außergewöhnlichen Menschen vor mir zu haben, frage ich mich, um wen es sich bei der Dame handelt. Ich stelle mir vor, dass sie seit Jahrzehnten im Chelsea Hotel lebt, denn sie wirkt nicht im Geringsten wie ein Gast, sondern wie jemand, der sich hier zu Hause fühlt. Ich kann sie mir ohne Weiteres in Warholfilmen vorstellen, in denen sie vor Jahrzehnten mitgewirkt haben könnte. Der Regisseur Milos Forman, der zu Beginn seiner Karriere hier gestrandet ist, erinnert sich an einen Gast, der sein Zimmer mit einem kleinen Alligator und zwei Affen teilte. Auch einen derart exzentrischen Lebensstil würde ich der Frau zutrauen.

Ich verspüre den Drang, sie unauffällig aus der Nähe in Augenschein zu nehmen, gehe mit langsamen Schritten zur gegenüberliegenden Wand und versuche den Anschein zu erwecken, als habe ich die Absicht, eines der dort angebrachten Bilder genauer zu betrachten. Als ich mich nach einer angemessenen Zeitspanne von dem Gemälde abwende, treffen sich für einen Moment unsere Blicke. Die blau-grauen Augen der alten Dame wirken verschmitzt, vor allem aber ausgesprochen bestimmt und unbeugsam. Es sind selbstbewusste Augen, die zweifellos Vieles in ihrem Leben gesehen haben. Nun vollends davon überzeugt, eine bemerkenswerte Person vor mir zu haben, bewege ich mich zurück zu meinem ursprünglichen Platz auf der Bank, entscheide mich dann aber, um eine neue Perspektive einzunehmen, in einem der bereitstehenden Sessel in der Sitzecke Platz zu nehmen.

Stormé DeLarverie
(c) Stefanie Moritz

Ich beschließe unauffällig ein Foto von der Dame zu machen, in der Hoffnung, sie auf diese Weise zu einem späteren Zeitpunkt identifizieren zu können, bereite meine Kamera auf ihren Einsatz vor, lege sie beiläufig auf meinen Oberschenkeln ab und richte das Objektiv diskret auf die alte Frau. Mit einem Knopfdruck ist das gewünschte Foto gemacht. Leicht verlegen, ob der Durchbrechung ihrer Privatsphäre, schaue ich zur Seite und blicke unmittelbar in die neugierigen, dunklen Augen des Mannes, den ich seit Betreten der Lobby für einen Schriftsteller gehalten habe. Um mich nicht sogleich erneut in eine verschämte Situation zu manövrieren, halte ich seinem Blick, der keineswegs feindselig wirkt, sondern gänzlich neutral und ausgesprochen neugierig und frage mich, ob ich den vermeintlichen Schriftsteller durch mein Verhalten soeben zu einem wertvollen Gedankengang inspiriert habe.  Während mir bewusst wird, dass ich mit dem Betreten des Chelseas nicht lediglich Zuschauer der Szenerie, sondern zwangsläufig selbst Teil des Schauspiels geworden bin, erkenne ich mein Gegenüber. Dort sitzt tatsächlich Joseph O`Neill, der womöglich an einem neuen Werk arbeitet und als Arbeitsplatz die inspirierende Lobby dem Schreiben in seinem einsamen Zimmer vorgezogen hat.

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Joseph O`Neill

Nach aufwendiger und zeitraubender Recherchearbeit ist es mir tatsächlich gelungen herauszubekommen, um wen es sich bei der betagten Dame gehandelt hat. Die seinerzeit 89 Jahre alte Frau mit dem wohlklingenden Namen – für den alleine sie bereits Berühmtheit verdient hätte – Stormé DeLarverie hat mehr als 30 Jahre im siebten Stock des Hotels gelebt.

Geboren wurde die Kreolin, als Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines weißen Vaters, am Heiligabend des Jahres 1920 in New Orleans. Zu jener Zeit herrschte in den konservativen Südstaaten noch eine strikte Rassentrennung, weshalb sie seit jeher mit Anfeindungen leben musste und aufgrund ihrer leicht dunklen Hautfarbe als Kind auf der Straße mit Steinen beworfen wurde. In den vierziger Jahren startete sie eine Künstlerkarriere, als sie als Sängerin mit einer dreiköpfigen Band auftrat und dabei mit ihrer charismatischen Baritonstimme Aufmerksamkeit erregte. In den fünfziger Jahren machte sie sich in der Kabarettszene einen Namen, indem sie als Mann verkleidet auf der Bühne stand und mit der legendären „Jewel Box Revue“, einer Travestiegruppe, die durch die USA tourte, nationale Bekanntheit erlangte. Das Ensemble bestand aus 24 Männern, die allesamt als schöne, verführerische Frauen gekleidet waren und Stormé, die als einzige biologische Frau der Gruppe als vornehmer Gentleman auftrat – eine Rolle, die sie zunehmend auch privat einnahm.

Die Idee einer Travestieshow war damals einzigartig, weshalb die Gruppe reichlich – positive wie negative – Publicity erhielt und Stormé als die Wegbereiterin dieser speziellen Showsparte gilt. Nachdem sie 14 Jahre lang mit der „Jewel Box Revue“ auf Tournee war, beendete sie ihre Bühnenkarriere und übte von nun an diverse Berufe aus, wobei es sich dabei in erster Linie um typisch männliche Berufe, wie Bodyguard oder Türsteherin, handelte.

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Stanley Bard

65 Jahre lang wurde im Chelsea Hotel gemalt, geschrieben, komponiert, gefeiert, gestritten, gevögelt, gekokst und gesoffen. Im vergangenen Jahr ist der einstige Besitzer Stanley Bard, der das Hotel zuvor für 250 Millionen Dollar verkauft hatte, verstorben. Ein langjähriger Angestellter fasst die bewegte Vergangenheit des Hauses zusammen: „Das Schöne am Chelsea war, dass es die Menschen einfach sein ließ, egal, wie schräg sie drauf waren. Solange sie anderen nichts zuleide taten.“ Eine Lebenshaltung der Stormé DeLarverie sicherlich beipflichten würde, denn vornehmlich ist sie als homosexuelle Bürgerrechtsikone bekannt geworden, die das Leben von Millionen Menschen nachhaltig verändert hat.

Näheres zu der Rolle, die Stormé beim Kampf um Gleichstellung gespielt hat, folgt im zweiten Teil.




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