Unterwegs in Hamburg

 

 

Magda Thürey – Teil 3

„Unrecht brachte uns den Tod – Lebende erkennt eure Pflicht“

Inschrift an der Gedenkstätte für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, Friedhof Ohlsdorf

 

Hier geht es zum 1.Teil

 

Bei den verheerenden Luftangriffen auf Hamburg büßte der Stadtteil Eimsbüttel, durch den ich seit Stunden spaziere, weite Teile seiner alten Bebauung ein. Da infolge des Bombardements das öffentliche Leben weitestgehend zum Erliegen kam und selbst die Grundversorgung der Bevölkerung nicht mehr gesichert werden konnte, beschloss der damalige Hamburger Generalstaatsanwalt Dr. Erich Drescher etwa fünfzig inhaftierte Mitglieder der Bästlein-Jacobs-Abshagen Gruppe einen zweimonatigen Hafturlaub, mit der Auflage, sich nach dieser Zeit wieder einzufinden, zu gewähren. Einige der vorübergehend entlassenen Häftlinge beschlossen, sich nicht an diese Anordnung zu halten und setzten die Widerstandsarbeit im Untergrund fort. Doch der Polizei gelang es einen Spitzel in die Gruppe einzuschleusen, sodass bereits nach wenigen Wochen nahezu sämtliche Widerstandskämpfer erneut gefasst waren. Auch für Magda Thürey, die einen konspirativen Seifenladen führte und deren Ehemann Paul sich bereits in Gestapohaft befand, wurde die Situation zunehmend prekärer.

Durch den Einlass einer kaum mehr als hüfthohen rot-braunen Backsteinmauer betrete ich den 1877 geweihten Friedhof Ohlsdorf, der mit einer Fläche von 389 Hektar, auf der sich mehr als 200.000 Grabstätten verteilen, der größte Parkfriedhof der Welt ist.

Mahnmal auf dem Friedhof Ohlsdorf                        (c) M.Graß

Ich blicke aus einiger Entfernung auf ein von dem Architekten Heinz Jürgen Ruscheweyh entworfenes Mahnmal, das gegenüber dem geklinkerten Krematorium, in dem in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft mehrere Tausend Opfer des Regimes eingeäschert wurden, in die Höhe ragt. Die Stele besteht aus einhundertfünf, in fünfzehn Reihen übereinander angeordneten, Urnen, die mit Erde und Ascheresten aus verschiedenen Konzentrationslagern und Hinrichtungsstätten befüllt sind.

Ich trete an das Denkmal heran, an dem ein älteres Ehepaar verweilt und auf eine Marmorplatte, die am Fuße des Monuments in die Erde eingelassen ist, blickt. Auf der Platte sind Namen von deutschen und osteuropäischen Städten angegeben, die von der Dame laut verlesen werden. Die beiden scheinen eine Art Quizduell aus ihrem nachmittäglichen Mahnmalsbesuch zu machen, denn sie beschreiben nach dem Verlesen der jeweiligen Stadt möglichst exakt deren geografische Lage und quittieren die korrekten Antworten mit einem herzlichen Lachen, was ich als unangemessen und pietätlos empfinde, da es sich um die Standorte von fünfundzwanzig Konzentrationslagern und Verfolgungsstätten handelt.

Ein Jahr nach der Befreiung von der NS-Herrschaft beschloss der Hamburger Senat die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer des Regimes. Ihm gehörte unter anderem der mit den Zuständigkeiten für Wiedergutmachung und Flüchtlingshilfe betraute Franz Heitgres (KPD) an, der wiederum der Vereinigten Arbeitsgemeinschaft der Naziverfolgten (später unbenannt in Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-VNN) vorstand.

Der VNN wurde 1946 von Überlebenden der faschistischen Haftstätten und Konzentrationslagern gegründet und ist bis heute in Hamburg aktiv, was ich an dem mit einer blau-weißen Trauerschleife versehenen Gesteck, das die Organisation am Fuße des Mahnmals abgelegt hat, erkennen kann.

Das Ehepaar scheint sein deplatziertes Quizduell mittlerweile beendet zu haben. Die Gattin hakt sich bei ihrem auf einen Rollator gestützten Mann unter und während die beiden sich gemächlich in die Richtung eines breiten, von blühenden Rhododendren gesäumten Weges, der in den Friedhof hineinführt, bewegen, höre ich den Mann entmutigt murmeln: „… und nichts haben die Menschen draus gelernt…“. Ich muss mir meine Fehleinschätzung eingestehen. Den beiden ist durchaus bewusst, an welch traurigem und beschämenden Ort sie sich hier befinden und sie nehmen diesen Umstand ernst. Ich blicke an den dunkelroten Urnen empor, lese die Inschrift „Unrecht brachte uns den Tod – Lebende erkennt eure Pflicht“ und Ortsnamen wie Plötzensee, Theresienstadt, Sachsenhausen, Dachau und Auschwitz, die sich in das kollektive Gedächtnis von Generationen eingebrannt haben, aber auch Fuhlsbüttel, wo sich eine weniger bekannte Gestapo Haftanstalt befand.

Durch das torbogenähnliche Eingangstor des rot-braunen Gebäudekomplexes in Norden Hamburgs wurde im Oktober 1943 Marie Thürey geführt, als die Gestapo sie in „Schutzhaft“ nahm.

Das einstige Konzentrationslager Fuhlsbüttel           (c) M.Graß

Nahezu sämtliche während der nationalsozialistischen Herrschaft verhafteten Hamburger WiderstandskämpferInnen – im Verlaufe des Krieges kamen auch viele ausländische WiderstandskämpferInnen sowie ZwangsarbeiterInnen hinzu – wurden in dieser „Kola-Fu“ (Konzentrationslager Fuhlsbüttel) genannten Haftanstalt inhaftiert. Über 200 Gefangene starben an den Folgen der dortigen unmenschlichen Haftbedingungen.

Gedenktafel am einstigen KZ Fuhlsbüttel                (c) M.Graß

Ich habe mich mittlerweile auf den Weg zu einem ausgedehnten Friedhofsspaziergang gemacht, biege nach ein paar Metern vom Hauptweg nach rechts ab und folge einem schmalen Fußweg, der abwechslungsreich von Bäumen, Sträuchern, Hecken und Rhododendren, für die der Friedhof bekannt ist und zu deren Blütezeit viele Besucher angelockt werden, gesäumt ist.

Friedhof Ohlsdorf                                                            (c) M.Graß

Auf dem riesigen Parkfriedhof könnte ich 80 Kilometer zu Fuß erkunden oder auch zwei Buslinien nutzen, die zwischen 22 Haltestellen verkehren. Ich passiere Grabstellen, die ähnlich vielfältig wirken wie die sie umgebende Vegetation. Manche entdecke ich unscheinbar versteckt unter ausladenden Sträuchern, andere, mit großzügigen Statuen ausgestattete Ruhestätten, erblicke ich bereits von Weitem. Einige Gräber sind von einer romantischen Aura umgeben, während andere überaus nüchtern wirken. Ich erblicke prächtige Mausoleen Hamburger Kaufmannsfamilien sowie vernachlässigt wirkende Begräbnisplätze, an denen von Moos und Efeu bedeckte, bereits tief in den Boden versunkene Grabsteine an das einstige Leben erinnern.

Während ich meinen Spaziergang fortsetze, kreisen meine Gedanken weiter um das Schicksal von Magda Thürey. Im Herbst 1943 hatte die Gestapo durch den Spitzel Alfons Pannek Kenntnis davon erhalten, dass die Seifenhandlung „Waschbär“ als Anlaufstelle für illegal lebende Mitglieder der Bästlein-Organisation diente. Am 30. Oktober 1943 nahm der berüchtigte Gestapobeamte Henry Helms Magda Thürey in „Schutzhaft“ und ließ sie ins Gefängnis Fuhlsbüttel bringen.

Alfons Pannek war Kommunist, wurde 1939 verhaftet und nach heutigen Erkenntnissen vermutlich durch Gestapo-Mitarbeiter schwer misshandelt, wodurch es gelang, ihn zur Kollaboration zu bewegen und als V-Mann mit der Registriernummer 120/40 G 2459 zu gewinnen. Pannek war Henry Helms unterstellt, der als Sachbearbeiter verantwortlich für die Verfolgung der politischen Opposition, vor allem von Kommunisten und Sozialdemokraten, war und in dessen Verantwortungsbereich zahlreiche Folterungen und Todesurteile lagen.




Als Ende 1943 nahezu sämtliche untergetauchten Mitglieder der Bästlein-Gruppe verhaftet worden waren, verfolgte die Gestapo mit sogenannten „verschärften Vernehmungen“, was nichts anderes als Folter bedeutete, das Ziel, Geständnisse zu erzwingen. Den Misshandelten wurden im Anschluss an die Verhöre ein in Handschellen gelegter „Genosse“ gegenübergestellt, der die Häftlinge zu weiteren Geständnissen bewegen sollte, indem er ihnen suggerierte, die Gestapo wisse ohnehin bereits alles und ein Verheimlichen von Namen und Sachverhalten würde lediglich ihnen und ihren Familien Schaden zufügen. Die Rolle dieses „fürsorglichen“ Mithäftlings übernahm häufig Alfons Pannek.

Nach Kriegsende versuchte Pannek sogleich, sich nach Südamerika abzusetzen, wurde aber an der französisch-italienischen Grenze aufgegriffen und musste sich im folgenden Prozess vor dem Landgericht Hamburg wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verantworten. Pannek berief sich darauf, bei seinen Handlungen hätten „die Voraussetzungen des übergesetzlichen Notstandes beziehungsweise des Nötigungsstandes“ vorgelegen. Dieser Verteidigungsstrategie folgten die Richter jedoch nicht. In der Urteilsbegründung wurde Pannek als „Mann von erheblicher Charakterlosigkeit“ bezeichnet, dessen Taten „für die Geschädigten außerordentlich schwere Folgen“ gehabt hätten. Insgesamt seien 23 Menschen durch seine Mithilfe für lange Zeit in Haft gekommen und seien „grausamen Verfolgungshandlungen ausgesetzt“ gewesen.

Pannek erhielt eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren, die der Oberste Gerichtshof jedoch aufhob. Vor der Revisionsverhandlung wurde die Anwendbarkeit der Gesetze, nach denen Pannek schuldig gesprochen worden war, annulliert und das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Henry Helms wurde nach Kriegsende ebenfalls von der britischen Militärregierung interniert und vom Schwurgericht Hamburg zu 9 Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Gericht folgte dabei nicht der Anklageschrift, in der Helms Morde aus niederen Beweggründen, die er grausam und mit Überlegung getätigt habe, vorgeworfen wurden. 1952 stellte Helms Mutter ein Gnadengesuch mit folgender Begründung: „Die Mutter des Verurteilten steht heute in ihrem 75. Lebensjahr. Sie ist in Folge ihres hohen Alters und der damit verbundenen Beschwerden nicht mehr in der Lage, ihre Angelegenheiten allein zu besorgen. Im Falle der Entlassung des Sohnes Henry Helms würde dieser in der mütterlichen Wohnung aufgenommen werden, so dass dann wenigstens ein Verwandter in der Lage wäre, der Gesuchstellerin unterstützend zur Seite zu stehen.“ Dem Gnadengesuch wurde stattgegeben, so dass Henry Helms lediglich drei Jahre seiner Haftstrafe verbüßen musste.

Die oftmals skandalöse – weil kaum stattgefundene – Aufarbeitung der NS-Zeit und der Umgang mit Tätern und Opfern sollte die Bundesrepublik Deutschland in den kommenden Jahrzehnten weiterhin beschäftigen. Umstritten war auch die Rolle, die der Schauspieler, Regisseur und Intendant Gustaf Gründgens (1899–1963), an dessen Grab ich soeben vorbeigehe, während der NS-Zeit spielte. Auch Jahrzehnte nach dessen Tod polarisiert der Künstler, der durch seine Rolle als Mephisto in Goethes „Faust“ Legendenstatus erreichte. Je nach Perspektive sehen seine Biografen in ihm einen skrupellosen, erfolgssüchtigen Karrieristen, der sich mit dem NS-Regime arrangiert hatte oder aber einen menschlich integren Intendant, der mit seinem Theater einen Freiraum innerhalb des totalitären Staates schuf und selbstlos bedrohte Kollegen schützte.




Auf dem Ohlsdorfer Friedhof sind eine Vielzahl internationaler, nationaler und Hamburger Persönlichkeiten bestattet. So auch der Filmschauspieler Hans Albers (1891–1960), der die letzten Jahrzehnte seines Lebens in seiner Villa am Starnberger See verbrachte, doch seine norddeutsche Heimat stets im Herzen trug: „Bayern ist ein wunderschönes Land. Aber ich möchte nicht als kleiner Otto in Tutzing auf dem Friedhof liegen – und wenn ich mal dran bin, da soll es in Hamburg sein.“ Dieser Wunsch wurde ihm ebenso erfüllt wie das Erklingen des Liedes „La Paloma“, das er 1944 in dem Film „Große Freiheit Nr.7 interpretiert und in Deutschland populär gemacht hatte, bevor er unter großer Anteilnahme von mehr als zehntausend Trauergästen zu Grabe getragen wurde.

Eine schlichte Marmorplatte markiert das Grab von Roger Cicero (1970–2016), der ebenfalls hier, begleitet von einigen Hundert Gästen, darunter Prominente wie Olli Dittrich, Inka Schneider, Tim Mälzer und Hubertus Meyer-Burckhardt, begraben wurde. Ein Jahr zuvor war der Musiker James Last ausschließlich in Anwesenheit des engsten Familienkreises an einem lichtdurchfluteten Platz, unmittelbar neben einer mächtigen Rotbuche beigesetzt worden.

Familiengrabstelle „Erhard“                                             (c) M.Graß

Mittlerweile habe ich die Familiengrabstelle des Schauspielers und Humoristen Heinz Erhardt (1909–1979) erreicht, in dessen unmittelbarer Nähe ein Fan eine improvisierte Gedenktafel der besonderen Art errichtet hat. An einem senkrecht aufgerichteten Holzbrett sind neben einem Porträtfoto einige von Erhards humoristischen Gedichten fixiert, von denen mir die meisten bekannt sind und mir beim Lesen unwillkürlich ein Schmunzeln ins Gesicht treiben.

Doch bereits nach einigen Schritten kreisen meine Gedanken erneut um das tragische Schicksal von Magda Thürey, die trotz ihrer schweren Krankheit – sie litt seit Jahren an Multipler Sklerose – während der Haft brutal und rücksichtslos behandelt wurde. Sie erhielt nur wenig Nahrung und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich durch diese unmenschlichen Haftbedingungen zusehends.

Das Ehepaar Thürey                             (c) M.Graß

Am 3.Mai 1944 musste Magda einen weiteren furchtbaren Schicksalsschlag erdulden, als ihr Ehemann Paul im Zuge der „Hamburger Kommunistenprozesse“ zum Tode verurteilt und am 26.Juni 1944, einundvierzigjährig, im Hamburger Untersuchungsgefängnis Holstenglacis 3 enthauptet wurde.

Magda Thüreys damalige Zellennachbarin Klara Dworznik erinnerte sich viele Jahre später, wie sie sich mittels Klopfzeichen heimlich mit Magda verständigt hat und berichtete davon, dass Mitgefangene gelegentlich Päckchen mit Nahrungsmitteln in deren Zelle geschmuggelt haben. „Sie sah so abgezehrt aus, das Gesicht eingefallen…“ Sie habe sich lange Zeit Sorgen um ihren Ehemann gemacht, aber „auch nach der Nachricht von der Hinrichtung blieb sie standhaft. (…) Magda Thürey war sehr tapfer, das muss ich sagen – wie sie mit ihrem Stock versuchte, wenn auch nur eine Runde, beim Hofgang mit rumzugehen. Am Hofgang war ihr so gelegen, denn das war der einzige Kontakt, den sie hatte.“

In der Tat wurde Magda Thüreys Kontakt zur Außenwelt während ihrer Gefangenschaft auf ein Minimum beschränkt. Nach der Befreiung durch die alliierten Truppen diktierte die mittlerweile nahezu bewegungsunfähige Frau ihrem Bruder: „In den 18 Monaten meiner Haft durfte ich keinen Besuch empfangen. Ich durfte nicht lesen und war fast dauernd in Einzelhaft. Seit Juni 1944 wurde kein Brief von mir herausgelassen.“ Für eine derart selbstständige und kontaktfreudige Frau muss diese Behandlung die Hölle gewesen sein. Gezielt wurde versucht, Magda Thüreys Körper und Geist gleichermaßen zu brechen.

Diese traurigen Gedanken stehen im krassen Widerspruch zu der wunderschönen harmonisch-friedlichen Umgebung. Seit einigen Minuten laufe ich unter einem dichten Laubdach an einem etwa zwei Meter breiten Bach entlang, der gelegentlich von romantischen Holzbrücken überquert wird und schließlich in einen am Uferbereich dicht bewachsenen See mündet. Es wundert mich nicht, dass der Friedhof den Hamburgern als Erholungsgebiet und Ausflugsziel, das Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, dient.

Das mich seit geraumer Zeit umgebende vielstimmige Vogelgezwitscher weist auf die über hundert Arten hin, die hier in Bäumen und Sträuchern beheimatet sind, darunter auch in Städten vergleichsweise seltene Arten wie Baumfalke, Eisvogel, Graugans, Mönchsgrasmücke oder Uhu. Durch den naturnahen Charakter der Parkanlage fühlen sich auch viele Wildtierarten wie Rehe, Eichhörnchen, Füchse, Hasen und Marder hier wohl.

Ein kostbares Wildtier, das über Jahrzehnte auf dem Ohlsdorfer Friedhof beheimatet war, ist hingegen seit 2014 spurlos verschwunden. Die Bronzeplastik des Löwen „Triest“ ruhte ehemals auf dem Grab des Zoodirektors Carl Hagenbeck (1844-1913), der 1907 in Stellingen, nördlich von Hamburg, den ersten gitterlosen Zoo der Welt, der noch heute als Tierpark Hagenbeck existiert, eröffnete. Die gestohlene bronzene Figur des schlafenden Löwen erinnerte an Hagenbecks Lieblingstier, das ihm das Leben gerettet haben soll, als der Zoodirektor gestolpert und von einem Tiger angegriffen worden war.

Ich betrachte prunkvolle Grabanlagen alteingesessener hanseatischer Kaufmannsfamilien und erreiche, vorbei an anmutigen Plastiken behütender Engel sowie graziler Figuren inmitten von prächtigen Rhododendronblüten, das versteckt liegende Grab von Roger Willemsen (1955–2016). Neben dessen Grabstein, auf dem in roter Schrift Name und Lebensdaten des Moderators und Autors graviert sind, lädt eine kleine Bank zum Verweilen ein – ein Angebot, das ich für einige Momente gerne annehme.

Grab von Roger Willemsen                                                (c) M.Graß

Wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag hatte Roger Willemsen seine Krebsdiagnose erhalten, woraufhin er sich sogleich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückzog. Er scharte enge Freunde um sich, reiste nach Norwegen, wo er stundenlang auf einen Fjord blickte, besuchte seine Lieblingsmuseen sowie seinen Lieblingsaffen im Zoo. Wenig Monate später ist Roger Willemsen verstorben. Seine letzten Worte sollen gelautet haben: „Ich bin im Reinen.“ Sein Grab entspricht dieser Aussage. Es liegt vergleichsweise abgelegen und sein nischenartiger Charakter, die vorhandene Sitzmöglichkeit sowie die abwechslungsreiche, stimmungsvolle aber genügsame Bepflanzung, machen es zu einem Ort, an dem ich mich augenblicklich wohlfühle. Seine Trauerfeier hatte Willemsen genauestens geplant. Das Piano-Solo „Peace Piece“ von Bill Evans sowie „Blame It On My Youth“ von Keith Jarrett waren zu hören und Star-Geigerin Isabelle Faust spielte die Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-moll von Johann Sebastian Bach.  Der schlichte Kiefernsarg war mit Magnolienzweigen, Willemsens Lieblingsbaum, geschmückt und von zahllosen kleinen Terrakottatöpfen mit seiner Lieblingsblume, der Ranunkel, umgeben, die sich die Trauergäste im Anschluss mit nach Hause nehmen durften. Auch die Worte der im Hamburger Tageblatt erschienenen Traueranzeige, wählte Roger Willemsen selbst aus: „Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.“




In den Sommermonaten 1944 drohte auch Magda Thüreys Leben ein baldiges Ende zu finden. Ihr Gesundheitszustand hatte sich aufgrund der Haftbedingungen dramatisch verschlechtert, doch erst als sie nahezu vollkommen bewegungsunfähig war, wurde sie in das Krankenhaus Langenhorn (heute Asklepios Klinik Nord) auf die Station für Nervenkranke verlegt, wo sie jedoch ebenfalls nicht die notwendige medizinische Versorgung erhielt. Nach der Befreiung Hamburgs durch die britischen Truppen nahm Magdas Bruder, Curt Bär, seine todkranke Schwester bei sich zu Hause auf, wo sie folgende Anklage zu Papier bringen ließ: „Meine Behandlung durch Helms (gemeint ist der Gestapo-Beamte Henry Helms, Anm. d. Autors) stellt einen wohlüberlegten Mordversuch dar. (…) Infolge des Entzugs jeder ärztlichen Hilfe verschlimmerten sich die Lähmungserscheinungen derartig, dass ich hilflos im Bett lag und nicht ohne Hilfe essen konnte.“

Am 17. Juli 1945 ist Magda Thürey an den Folgen der achtzehnmonatigen Gestapohaft verstorben.

Sterbeurkunde von Magda Thürey (c) M.Graß

Der Brief eines Freundes ist erhalten geblieben, den dieser an eine ehemalige Schülerin gerichtet hat, um sie vom Tod ihrer einstigen Lehrerin in Kenntnis zu setzen und deren unbändigen Lebenswillen zu schildern. Obwohl sie „von den Hüften an völlig gelähmt [war], in den Armen keine Kraft und nur ganz wenig Bewegungsfähigkeit mehr, nur noch mit schwacher Stimme fragte sie nach allem, was draußen vorging, wollte sie alles wissen, was am Aufbau eines neuen, von der Nazipest gesäuberten Deutschlands gearbeitet wird. Immer wieder sagte sie: `Ich muss doch wieder besser werden, dass ich rauskomme und mitarbeiten kann!`“

Brief von R.Schaible an eine einstige Schülerin Magda Thüreys                                                                    (c) M.Graß

Ich passiere das Grab von Henning Voscherau (1941–2016), der von 1988 bis 1997 das Amt des Ersten Bürgermeisters von Hamburg bekleidete. Sein mit einem weißen und drei Kränzen aus roten Rosen bedeckter Sarg wurde auf der Bühne des Thalia Theaters aufgebahrt. Der aus einer Schauspielerfamilie stammende Politiker hatte eine tiefe emotionale Verbindung zu dem traditionsreichen Theater, da er dort einen erheblichen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Auch für die Bästlein-Jacobs-Abshagen-Gruppe spielte das Thalia Theater eine Rolle, denn dort wurden wiederholt Schriften der Gruppe versteckt, woran heute eine Gedenktafel an der Fassade des Theaterbaus erinnert.

Sechs Jahre vor seinem Tod hielt Henning Voscherau die Trauerrede für Loki Schmidt, die an der Seite ihres Mannes Helmut (1918–2015), mehrfacher Bundesminister sowie von 1974 bis 1982 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, ruht und an deren Grabstelle ich mich instinktiv frage, ob es die Pietät gebietet, für einen Moment innezuhalten, um eine Zigarette zu rauchen.

„Ehrenfeld der Geschwister Scholl-Stiftung für Hamburger Widerstandskämpfer“                                      (c) M.Graß

Ich erreiche das „Ehrenfeld der Geschwister Scholl-Stiftung für Hamburger Widerstandskämpfer“, auf dem 440 Opfer des Nationalsozialismus ruhen. Eine von ihnen ist Magda Thürey. Die Hamburger Widerstandskämpferin Lucie Suhling erinnert sich an deren Trauerfeier: »… im Juli 1945 [fand] die erste öffentliche Kundgebung nach Zerschlagung der faschistischen Diktatur statt. Unsere Genossin Magda Thürey war an den Folgen ihrer Haft gestorben. Beide Parteiführungen [gemeint sind jene der SPD und KPD, Anm. d. Autors] riefen zur Teilnahme an ihrer Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof auf. Tausende Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilose Antifaschisten kamen. Alle, die damals dabei waren, werden nicht vergessen, wie Fiete Dettmann [späterer Vorsitzender der KPD Hamburg, Anm. d. Autors] und Karl Meitmann [späterer Vorsitzender der SPD-Landesorganisation Hamburg, Anm. d.  Autors] sich über Magdas Grab die Hände reichten und ausriefen, was alle fühlten und dachten: ›Nie wieder Krieg und Faschismus! Einigkeit, Einheit und nie wieder Bruderkampf!‹«

Karl Meitmann war bereits 1933 verhaftet und wie Magda Thürey in das KZ Fuhlsbüttel eingeliefert worden, wo er schwer misshandelt wurde. Insgesamt kamen über 500 Frauen und Männer in der Haftanstalt im Norden Hamburgs durch Folter, Ermordung oder indem sie in den Tod getrieben wurden, ums Leben. Kurz vor Kriegsende ließ die Gestapo das mit etwa 1000 Häftlingen belegte Polizeigefängnis räumen. Die allermeisten Gefangenen wurden auf einen mehrtägigen Todesmarsch zum Arbeitserziehungslager Nordmark in Kiel getrieben, auf dem Kranke oder Entkräftete unterwegs erschossen wurden oder aufgrund der Strapazen und Unterversorgung starben.

Ich trete an eine Stele, auf der die Lebensdaten der Geschwister Scholl eingraviert sind und eine Bronzetafel angebracht ist, auf der folgende Inschrift zu lesen ist: „Um Männer und Frauen zu ehren, die unter nationalsozialistischer Verfolgung schwer gelitten haben, hat ihnen die Geschwister-Scholl-Stiftung hier eine gemeinsame letzte Ruhestätte bereitet.“

Erinnerungen an das Ehepaar Thürey sind in Hamburg an mehreren Orten zu finden. Seit 1981 verläuft im Ortsteil Niendorf die Thüreystraße, im Kurt-Schill-Weg befindet sich ein vom Düsseldorfer Künstler Thomas Schütte zum Gedenken an den Widerstand geschaffenes Mahnmal, auf dem unter anderem der Name Paul Thürey eingraviert ist und die Hamburger DKP hat ihren Sitz nach Magda Thürey benannt.

In der Emilienstraße 30, ihrem letzten Wohnhaus vor der Verhaftung, wurde ein Stolperstein für Paul und Magda verlegt. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig ließ Hunderte der 10 mal 10 cm großen Steine, die mit einer kleinen Messingplatte versehen sind, in die Angaben zum Schicksal der betreffenden Person eingestanzt wurden, in Hamburger Bürgersteigen ein.

Stolpersteine in der Emilienstraße 30                          (c) M.Graß

Ich gehe mittlerweile seit einigen Minuten durch die gleichförmigen Gräberreihen, bis ich endlich den Grabstein mit der Aufschrift „Paul Thürey 1903-1944, Magda Thürey 1899-1945“ gefunden habe. Im Gegensatz zu manch anderen Grabstellen, die ich heute besucht habe, steht hier leider keine Sitzgelegenheit zur Verfügung. Dennoch halte ich inne, erinnere mich an die Lebensgeschichte von Magda Thürey, vergegenwärtige mir ihren Mut und Idealismus, denke an die Orte, die ich in den vergangen beiden Tagen besucht habe und hinterlasse schließlich eine Blume, die ich zuvor in der Friedhofsgärtnerei besorgt habe.

Es ist traurig und skandalös, wie die Bundesrepublik Deutschland mit den mutigen Widerstandskämpfern – insbesondere den kommunistischen – umgegangen ist. Überlebende Angehörige einer kommunistischen Organisation, die Ansprüche auf Wiedergutmachung geltend machen wollten, verschwiegen aus Furcht vor Nachteilen oftmals ihre Parteizugehörigkeit, denn zahlreiche ehemals als Kommunisten Verfolgte, die für ihre Überzeugung Gefängnis, KZ-Haft oder Flucht durchlitten hatten, wurden von der Entschädigung ausgeschlossen.

Die Bundesregierung gab, vor dem Hintergrund der sich verstärkenden ideologischen Auseinandersetzungen im Kalten Krieg, im September 1950 den sogenannten »Adenauererlass« heraus, in dem Organisationen aufgelistet wurden, deren Unterstützung für unvereinbar mit den Dienstpflichten eines Beamten oder Angestellten im öffentlichen Dienst erklärt wurde. Neben der KPD enthielt die Aufzählung unter anderem auch die FDJ und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), ein 1947 gegründeter Verband aus Widerstandskämpfern und NS-Verfolgten, der die Präsenz von einstigen Nationalsozialisten in Behörden, Justiz und politischen Gremien der Bundesrepublik hinterfragte und kritisierte.

Während die VVN auf die »schwarze Liste« gesetzt wurde, hatte der Bundestag im April 1951 ein Gesetz zur Wiederbeschäftigung von Beamten der ehemaligen NS-Verwaltung beschlossen. Angehörige der Polizei, der Gestapo, höhere Richter und Staatsanwälte, die für die Durchsetzung des faschistischen Terrors verantwortlich waren, kamen wieder in Amt und Würden, wodurch eine mehr als bedenkliche personelle Kontinuität herbeigeführt wurde.

Einer der prominentesten Fälle war jener des CDU-Politikers Hans Karl Filbinger (1913 – 2007), der es bis zum Amt des Ministerpräsidenten Baden-Württembergs gebracht hatte. Dieses musste er jedoch niederlegen, als in den späten 1970er Jahren vier Todesurteile bekannt wurden, die er als NSDAP-Mitglied und Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. Bis zu seinem Tode bemühte Filbinger sich um seine Rehabilitierung und rechtfertigte sich, indem er beteuerte nichts getan zu haben, dessen er sich schämen müsse: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“




Zum ersten Hamburger Bürgermeister nach Ende des Zweiten Weltkrieges ernannte der britische Stadtkommandant Rudolf Petersen, den Bruder des ehemaligen Bürgermeisters Carl Wilhelm Petersen. In einer Rede sprach dieser im Rückblick auf die NS-Diktatur von einer „schicksalshaften Katastrophe, die über uns hineingebrochen ist“, als handele es sich um einen unvermeidbaren Betriebsunfall und vom „hypnotischen Einfluss eines Demagogen“, dem die Deutschen erlegen seien und verwandelte somit kurzerhand Täter zu Opfern.

Während ich den sehens- und erlebenswerten Friedhof verlasse, erinnere ich mich an den alten, auf seinem Rollator gestützten Mann, dem ich vor einigen Stunden am Mahnmal begegnet bin und an sein niederschmetterndes Urteil: „… und nichts haben die Menschen draus gelernt…“. Seine Skepsis scheint angebracht angesichts der Tatsache, dass 73 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus eine Partei in sämtliche deutsche Landesparlamente sowie in den Deutschen Bundestag eingezogen ist, deren  Bundessprecher und Vorsitzender der Bundestagsfraktion in Hinblick auf den Nationalsozialismus von einem „Vogelschiss in 1000 Jahren deutscher Geschichte“ spricht – ein Schlag in das Gesicht von 50 Millionen Toten, den Opfern des Holocaust und mutigen Menschen wie Magda Thürey, die zu den wenigen Hamburgern zählte, die gegen das NS-Regime aktiv Widerstand geleistet haben und ihren Mut mit dem Leben bezahlen mussten. Ich denke mit Abscheu an die Entmenschlichung, die sich offenbarte, als zahlreiche Demonstranten, in Hinblick auf ein Rettungsschiff, das Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet hat, unbehelligt und lauthals „Absaufen!“ skandierten und somit den Tod von hunderten Menschen forderten.
Ich erreiche erneut die Stele mit den einhundertfünf mit Ascheresten aus Konzentrationslagern befüllten Urnen und blicke auf die Inschrift: „Unrecht brachte uns den Tod – Lebende erkennt eure Pflicht“. In Anbetracht der gegenwärtigen Entwicklungen und politischen Diskussionen erscheint mir diese Pflicht unverkennbar.

 

Danke an die Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg, die mit ihrem umfangreichen Archiv die Arbeit an diesem Text unterstützt hat.

 




Ein Gedanke zu „Unterwegs in Hamburg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.