Unterwegs in… Berlin (Wannsee)

Max Liebermann – Teil 3: Das Schloss am See

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„Wo det Salatessen anfängt, bejinnt de Kultur…“
 (Max Liebermann)

(c) M.Graß

Nach einer Fahrt durch die Berliner Außenbezirke und attraktive Wohngebiete habe ich mein Auto unter einem schattenspendenden Baum, unmittelbar gegenüber dem einstigen Haus des Verlegers Ferdinand Springer, das durch seine ungewöhnliche asymmetrische Form auffällt, abgestellt. Nach einem kurzen Spaziergang erreiche ich am Ende einer Sackgasse das Landhaus des Verlegers Carl Langenscheidt, Sohn des Verlagsgründers Gustav Langenscheidt, der sich 1899 das Anwesen, das sich, wie ich einem prüfenden Blick auf das Klingelschild entnehme, nach wie vor im Familienbesitz befindet, in Fachwerkbauweise errichten ließ.

Doch mein Interesse gilt dem von einem Eisengitterzaun umgebene Nachbargrundstück, an dem eine weiße Gedenktafel angebracht ist, die darauf hinweist, dass ich das „Sommerhaus des Malers Max Liebermann“, das seit 2006 als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich ist, erreicht habe. Das Schild weist Liebermann als Gründungsmitglied der Berliner Secession, einer Künstlervereinigung, die sich als Opposition zum dominierenden staatlich gelenkten Kunstbetrieb verstand, aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Risse innerhalb dieser Gemeinschaft deutlich, als mit dem Expressionismus eine neue Kunstrichtung auftauchte. Max Liebermann als ihr Präsident konnte und wollte nicht mehr die Geduld aufbringen, den Konflikt zu entschärfen und war nicht mehr bereit, sich durch kulturpolitische Diskussionen von seiner Arbeit als Künstler ablenken zu lassen.
Ich trete durch das geöffnete Gartentor, begebe mich zu dem einstigen Gärtnerhaus, in dem der Museumsshop und die Kasse, an der eine herzliche Dame mir den empfehlenswerten Weg durch das Anwesen beschreibt und mir insbesondere die Sichtachse vom Nutzgarten bis hinaus zum Wannseeufer ans Herz legt, untergebracht sind.
Ich trete hinaus in den Vorgarten des Grundstücks, das Max Liebermann 1909 erworben und dessen Gartengestaltung er mithilfe seines Freundes Alfred Lichtwark, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, erörtert und entwickelt hat. Entstanden ist die Erfüllung eines Lebenstraumes – ein beschaulicher Rückzugsort als Alternative zum Palais am geschäftigen Pariser Platz.

Das ehemalige Gärtnerhaus / (c) M.Graß

Vor dem weinberankten Gärtnerhaus betrachte ich einige massive Kübel mit blühenden Hortensien, während eine hinabfallende Kastanie, die meinen Kopf nur knapp verfehlt, mich willkommen heißt. Gelbe und rote Dahlien strahlen mir aus den Beeten leuchtend entgegen und ich entdecke rasch die in der Sonne liegende weiße Bank, auf die mich die freundliche Mitarbeiterin hingewiesen und mir empfohlen hat, dort mit meinen Erkundungen zu beginnen.
Ich folge diesem Ratschlag, nehme Platz und bin augenblicklich beeindruckt. Die Dame hat nicht zu viel versprochen. Mein Blick folgt dem geraden, auf die Villa zulaufenden Weg, verläuft durch die Glasfronten des Hauses hindurch zur hinter dem Gebäude angelegten Wiese und endet am Ufer des Wannsees, dessen sanfte Wellen, auf denen die Sonnenstrahlen glitzern, sich erahnen lassen. Dies ist eine der vielen bezaubernden Fantasien, die Max Liebermann sich von dem ausführenden Architekten realisieren ließ.

Der Vorgarten der Wannsee-Villa / (c) M.Graß

Ich halte eine Weile an dem Ort inne, an dem auch Max Liebermann gewiss häufig gesessen hat und hoffentlich Zufriedenheit bei dem Anblick, der sich vor ihm eröffnete, empfinden konnte. 1910 hat er, nach Fertigstellung des Gebäudes, erstmals einige Zeit hier verbringen können. Im selben Jahr ging ein Stück seiner beruflichen Heimat verloren, denn innerhalb der Berliner Secession kam es zum Bruch, als sich, auf Initiative von Georg Tappert, gefolgt von Max Pechstein, Emil Nolde und weiteren Künstlern, die Neue Secession gründete. Als die Kritik an Liebermanns Führungsstil lauter wurde, trat er am 16. November 1911 als Präsident der Berliner Secession zurück. Die Generalversammlung wählte ihn zwar zu ihrem Ehrenpräsidenten und übertrug Lovis Corinth die Präsidentschaft, doch auch Künstler wie Max Beckmann, Max Slevogt und August Gaul zogen sich zurück, sodass das Ende der Secession unausweichlich und der Niedergang des deutschen Impressionismus besiegelt war.

Bundesarchiv Bild 183-H0806-0501, Berlin, Jury der Berliner Sezession.jpg
Berlin 1908: Jury für die Ausstellung der Berliner Secession; vlnr Fritz Klimsch, August Gaul, Walter Leistikow, Hans Baluschek, Paul Cassirer, Max Slevogt, (sitzend), George Mosson (stehend), Max Kruse, Max Liebermann (sitzend), Emil Rudolf Weiss, Lovis Corinth. / By Bundesarchiv, Bild 183-H0806-0501 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Max Liebermann wollte fortan nicht mehr Zielscheibe der Berliner Kulturpolitik sein und gemäß seinem Charakter sah er die Situation gebührend nüchtern: „Jede zur Herrschaft gelangte Form der Kunst wird und muss von der folgenden verdrängt werden. Die heute als die modernen gelte, werden vielleicht schon morgen zum alten Eisen geworfen. Wir sind alle Kinder unserer Zeit und es ist ganz natürlich, wenn die Jungen den Platz der Alten einnehmen wollen.“ Auch wenn er sich mit der Farbgewalt und überbordenden Emotionalität der Expressionisten nicht anfreunden konnte, war er doch Realist und objektiver Beobachter, der nun frei für seine Kunst war, sich nicht mehr mit seinen Widersachern auseinandersetzen musste und seinen Lebenstraum auskosten konnte.

(c) M.Graß

Ich spaziere durch den von einigen Wegen durchquerten Zier- und Nutzgarten, der mittels einer Lindenhochhecke vom Wohnhaus abgegrenzt ist und passiere üppige Staudenrabatten, einige Obstbäume sowie Salat- und Gemüsebeete. „Hier in Berlin fressen se viel zu viel Fleisch! Wo det Salatessen anfängt, bejinnt de Kultur…“, hat Liebermann geäußert und demzufolge in seinem Garten reichlich Gemüse und Salat angepflanzt. Und somit werden hier bis heute Rotkohl, Kürbisse, Bohnen, Kartoffeln, Artischocken, Tomaten und Salate angebaut. Auch Gravensteiner Äpfel, Pfirsiche, Schattenmorellen, zu deren Anpflanzung ihm sein Freund Alfred Lichtwark geraten hat, Quitten, Pflaumenbäume und allerlei Beerenobst sind auf dem Grundstück zu finden.

(c) M.Graß
(c) M.Graß

Der bekennende Gourmet Liebermann wusste seinen Gemüsegarten zu schätzen und dies nicht ausschließlich aus kulinarischen Gründen. Ihm ging es auch um Gesundheit und Wohlbefinden. Zu Liebermanns Freundeskreis zählte die Journalistin und Kochbuchautorin Julie Elias, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Julius Elias, regelmäßig bei dem Ehepaar Liebermann zum gemeinsamen Essen zu Gast war. Auch der angesehene Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der in den 1930er Jahren ein Haus in der Nähe der Wannsee-Villa erwarb, schwärmte vom Feinschmecker Max Liebermann: „Im Hause Liebermann zu essen war ein großes Vergnügen.“

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Selbstbildnis mit Palette, 1912 / By Max Liebermann – First uploaded to de.wikipedia by de:Benutzer:Hans Bug., Public Domain, Link

Zu seinem 65. Geburtstag ernannten die Kunsthochschulen in Wien, Brüssel, Mailand und Stockholm Max Liebermann zu ihrem Mitglied und zahlreiche deutsche Bürger, die es sich leisten konnten, ließen sich von ihm porträtieren. Er war der Grandseigneur der deutschen Kunstszene, doch ihn selbst interessierte die öffentliche Anerkennung, die er einst so vehement angestrebt hatte, zunehmend weniger.
Liebermann zog sich mehr und mehr in sein „Schloss am See“, wie er es nannte und in dem er sich spürbar wohlfühlte, zurück. Ich betrachte die weinberankte klassizistische Fassade mit ihren ionischen Säulen, die nach dem Vorbild Hamburger Patriziervillen gestaltet wurde, während sich Liebermann bei der Rückseite des Hauses von einem weiteren persönlichen Lieblingsort inspirieren und diese im Stile eines holländischen Landhauses ausführen ließ. Mir erscheint das Gebäude Liebermanns Charakter zu entsprechen. Es wirkt elegant und vornehm, aber dennoch schlicht und keinesfalls extravagant.

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Ich betrete das Erdgeschoss der Villa, wo sich ein mit vielfältigen Medien ausgestatteter Informationsraum zum Leben von Max Liebermann sowie zur Geschichte des Hauses befindet. Das nach erhaltenen Fotos rekonstruierte Wohnzimmer ist dank der bodentiefen Fenster lichtdurchflutet und strahlt durch eine Sitzecke sowie einen Marmorkamin, neben dem ein üppiges Blumenarrangement in einem Terracottakübel platziert ist, Behaglichkeit aus. Ich betrachte die schwarz-weiß Fotos an den Wänden, die Einblicke in das Familienleben der Liebermanns gewähren und nehme einige Gemäldereproduktionen, die zu Liebermanns Zeiten im Original diesen Wohnraum zierten, in Augenschein, darunter Jagdszenen seines einstigen Lehrers Carl Steffeck, ein Porträt des von Liebermann verehrten Malers Frans Hals, das Reiterbildnis des Mr Arnaud von Édouard Manet, dessen Original die von den Nationalsozialisten schikanierte Martha Liebermann 1936 veräußern musste und das sich heute in der Nationalgalerie in Mailand befindet.


Zwanzig Jahre bevor dieses entsetzliche Kapitel der deutschen Geschichte heranbrach, ereignete sich „die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (Fritz Stern), als nationalistische Strömungen sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entluden. Vernunft und Rationalität wurden von einem patriotischen Fanatismus überlagert, dem sich auch Liebermann nicht entziehen konnte, weshalb er für die Zeitung „Kriegszeit – Künstlerflugblätter“ die Szenerie vor dem Berliner Stadtschloss zeichnete, als Wilhelm II. zum Kriegsbeginn vor den jubelnden Massen seine berühmte „Parteienrede“ hielt.

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Zeitung „Kriegszeit – Künstlerflugblätter / Illustration (Lithographie): „Vor dem Schloss“ von Max Liebermann / By Max Liebermann – Scan aus dem Katalog der Ausstellung Im Garten von Max Liebermann., Public Domain, Link

Mit dem Fortschreiten des Krieges zog sich Liebermanns zunehmend ins Private, in sein Landhaus am Wannsee, zurück. „Ich arbeite so ruhig als möglich weiter, in der Meinung, dass ich dadurch dem Allgemeinen am besten diene“, erklärte der 67-jährige.  Über eine Treppe gelange ich in das Obergeschoss des Anwesens, wo sich einst das Atelier befunden hat und heute Ausstellungsräume, in denen Gemälde aus Liebermanns Spätwerk, von denen zahlreiche im Garten der Villa entstanden sind, in dem er neue Motivwelten entdeckt und mit breitem Pinselstrich lichtdurchflutete Bilder gefertigt hat, sowie wechselnde Themenausstellungen präsentiert werden, untergebracht sind.
Auch wenn seine Bilder zu jener Zeit entspannter und farbenfroher wirkten als je zuvor, erlebte Liebermann privat einen düsteren Moment, als 1914 Alfred Lichtwark, einer seiner wenigen langjährigen Freunde, verstarb.
Im Grunde war Liebermann seit seiner Kindheit ein vergleichsweise einsamer Mensch. Zwar pflegte er Kontakte, empfing gerne Gäste und gab Abendgesellschaften, doch blieb er seinen Mitmenschen gegenüber stets distanziert, sodass kaum enge Freundschaften entstanden, weshalb ihn der Verlust Lichtwarks ähnlich hart traf wie der Tod seiner Eltern zwanzig Jahre zuvor. In seinem Selbstporträt aus dem Jahre 1918 scheint der Verlust spür- und sichtbar.

Selbstbildnis, 1918 / (c) public domain

Der verführerische Duft von frisch gebrühtem Kaffee dringt in meine Nase, lockt mich zurück in das Erdgeschoss, in dem ein Café untergebracht ist, wo ich mir neben einem Cappuccino ein Stück hausgemachten Apfelkuchen besorge und es mir im einstigen Esszimmer bequem mache. Auch dieses ist nach alten Fotos in seinen Originalzustand zurückversetzt worden und somit sitze ich, umgeben von hellgrün tapezierten Wänden, die mit einigen Liebermann-Lithografien dekoriert sind, und abgerundeten, mit Holzpaneelen vertäfelten Zimmerecken, an jenem Ort, an dem vor 100 Jahren auch Max Liebermann seine Speisen zu sich genommen hat.
Fortan verbrachte dieser seine Sommer nicht mehr wie gewohnt in den Niederlanden, sondern hier am Wannsee, wo seine Familie während der Kriegsjahre keine Not litt, auch wenn aufgrund der Versorgungsunsicherheit die Blumenbeete im Vorgarten zu Gemüsebeeten umgewandelt wurden.
An einen Freund schrieb Liebermann im Mai 1917: „Sonst habe ich statt Gravensteiner Äpfel – Erdäpfel, d.h. Kartoffeln gebaut und dazu Gemüse, Kohl u. sonstiges Essbare, denn wer weiß, wie lange der Krieg noch dauert. Allerdings glaubt Mancher, dass im Herbst Frieden werden wird, aber wer weiß, was dann kommt. Jedenfalls sollte jeder seinen Kohl pflanzen.“ Seinem achtsamen wie auch skeptischen Wesen entsprechend strebte Liebermann in unsicheren Zeiten die Selbstversorgung an und baute auch auf der weiten Rasenfläche hinter der Villa Kartoffeln und Kohl an, was er in einem Gemälde festhielt.

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Kohlfeld im Wannseegarten nach Westen, 1917 / By Max Liebermannhttp://www.villa-grisebach.de/, Public Domain, Link

Durch die geöffnete Flügeltür des Speisezimmers blicke ich seit geraumer Zeit auf jene bis zum Wannseeufer reichende Wiese und trete, nach dem letzten Schluck Cappuccino, hinaus in den Garten, den Max Liebermann exakt seinen Vorstellungen entsprechend gestalten ließ.
Zunächst gelange ich auf die großzügige Terrasse, auf der es sich Besucher, umgeben von dekorativen, mit Schmucklilien bepflanzten Kübeln, unter weiten Sonnenschirmen bei Kaffee und Kuchen bequem gemacht haben.

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Ich lasse meinen Blick über das Grundstück schweifen – über die Blumenterrasse samt ihrer mit Buchsbaum gefassten Beete, in denen im Frühling gelbe und blaue Stiefmütterchen und jetzt im Sommer rote Geranien blühen. Liebermann hat genauestens festgelegt, welche Blume an welchem Standort gepflanzt wurde und auf seinen Gartenbildern ist abzulesen, wie diese im Verlaufe der Jahre zunehmend üppiger wurden.

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Max Liebermann, Wannseegarten, 1926 / By Max Liebermann – Scan aus: Max Liebermann – ein Maler-Leben. 28 March 2008 (original upload date), Public Domain, Link

Ich blicke über die etwa zwei Meter tiefer gelegene Rasenfläche und die drei schmalen Wege, die zum Ufer des Wannsees führen, dessen Wasser eine sogartige Wirkung entfaltet.

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An der westlichen Grundstücksseite erblicke ich den malerischen Birkenweg mit seinen wie zufällig gewachsenen Bäumen, entscheide mich, dort meinen Rundgang zu beginnen, den ich jedoch sogleich unterbreche, als ich am Rande des Weges eine einladende Bank entdecke, auf der ich einen Moment Platz nehme, um die Umgebung und Perspektive auf mich wirken zu lassen. Die mich umgebenden Birken bieten mit ihrer markanten weißen Rinde einen leuchtenden Kontrast und werfen flirrende Silhouetten auf die Wiese, was Max Liebermann wiederholt in Gemälden festhielt und mutmaßlich die Gründe dafür sind, dass die Bäume, die hier bereits standen, als der Maler das Anwesen erworben hat, kreuz und quer über den schmalen, zum Wasser führenden Weg, wachsen durften.

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Max Liebermann, Birkenweg, 1919 / By Max LiebermannOwn work, Public Domain, Link

 „…was soll ich denn tun, ohne Arbeit wäre das Leben doch trostlos“, sagte Liebermann, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr in sich und seine Arbeit zurückzog und einen großen privaten Glücksmoment erlebte, als seine mittlerweile 30-jährige Tochter Käthe, die zwei Jahre zuvor Kurt Riezler, einen Diplomaten und Berater des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, geheiratet hatte, 1917 Mutter einer Tochter wurde. Wie Jahrzehnte zuvor in der Vaterrolle ging Liebermann nun in der Rolle des Großvaters auf und verwöhnte seine Enkeltochter Maria nach besten Kräften.

Max Liebermann - Enkelin und Kinderfrau beim Spiel im Garten (1919).jpg
Enkelin und Kinderfrau beim Spiel im Garten, 1919 / By Max LiebermannSotheby’s London, 24 June 2014, lot 133, Public Domain, Link

Mittlerweile habe ich die sich im Wind wiegenden Gräser am Wannseeufer erreicht.

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Auch in Ufernähe stehen neben Robinien, Ahornen, Trauerweiden und Kastanien einige hohe Birken, die allesamt nicht zufällig an ihrem jeweiligen Standort wachsen, sondern für gezielte Licht-und-Schatten-Spiele sowie, insbesondere im Herbst, Farbeffekte sorgen, die Liebermann eifrig auf der Leinwand festhielt.

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Max Liebermann, Haus am Wannsee, 1926 / By DguendelOwn work, CC BY 4.0, Link

Das sonnige Wetter am heutigen Spätsommertag wird von einigen Seglern ausgenutzt, auf deren vorbeigleitende Boote, über die Möwen krächzend ihre Kreise ziehen, ein eleganter weißer Holzsteg einen besonders guten Blick bietet.

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Von diesem entdecke ich auf der gegenüberliegenden Seeseite das legendäre Strandbad Wannsee, das in den 1950er Jahren Cornelia Froboess mit „eingepackter Badehose“ besucht hat. Auf die langgestreckten 1930er-Jahre-Architektur hat auch Max Liebermann bereits geschaut, wenn er hier am Ufer stand oder sich in den reizenden Pavillon, der mich, seit ich ihn erblickt habe, anlockt, zurückgezogen hat.

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Umringt von den im Wind rauschenden Trauerweiden lädt die sechseckige Laube zur Rast ein und somit nehme ich auf der weißen Holzbank unter dem mit roten Schindeln gedeckten Dach Platz und stelle mir vor, wie hier Max Liebermann bei einer dampfenden Tasse Tee seinen versierten Blick über die leichten Wellen des Wannsees oder die blühenden Pflanzen in seinem Garten schweifen ließ und womöglich über ein neues Motiv sinnierte.


Das herbeigesehnte Kriegsende am 11.11.1918 erlebte er in seinem Palais am Pariser Platz, von wo aus er die Heimkehr der deutschen Soldaten beobachtete, deren Zug durch das Brandenburger Tor er in einer spontanen, flüchtigen, in ihren Details jedoch unvermutet klaren Zeichnung festhielt.

Max Liebermann, 1918 / (c) gemeinfrei

Angesprochen auf seine Rolle als Künstler angesichts des in seinem Verlauf stetig barbarischer werdenden Krieges, äußerte Liebermann in einem Zeitungsinterview: „Der Künstler widmet sein Leben der Erzeugung schöner Dinge. Er konnte nicht diesen Zug des Elends und der Gräuel an sich vorüberziehen lassen, ohne davon ergriffen zu werden. Ich für meinen Teil versuchte, die Augen vor all den abscheulichen Dingen zu verschließen. Ich vertiefte mich mehr denn je in meine Arbeit und hätte mir am Liebsten Scheuklappen zulegen mögen.“

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Ein schnurgerader Weg führt mich durch einen Naschgarten, in dem Beerensträucher und Obstbäume angepflanzt sind, bevor ich einen schmalen Buchenbogen durchschreite und den ersten von drei rechteckigen Gartenräumen betrete.
Eingefasst von hohen Hainbuchen-Hecken sind diese nach barocken Vorbildern gestaltet und beruhen auf den Plänen Alfred Lichtwarks, der die drei Räume grundverschieden gestaltet hat. Im ersten Bereich erwartet mich ein sinnlich-opulenter Rosengarten mit einer berankten Laube als Herzstück, in deren Zentrum eine Sonnenuhr auf einem Sockel aus Muschelkalk verankert ist.

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Zu seinem 80. Geburtstag erhielt Max Liebermann von Genia Levine, der späteren Ehefrau des Bankiers Hans Fürstenberg, eine Sonnenuhr – ein Modell, das im 17. Jahrhundert häufig in holländischen Gärten aufgestellt wurde. Diese Sonnenuhr ist seit den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschollen, wurde anhand von historischen Abbildungen sowie mithilfe reichhaltiger Spendengelder rekonstruiert und steht seit dem 8. August 2014 erneut an ihrem originalen Standort im Zentrum des Rosengartens.

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1925 hat Max Liebermann die – wie er sie nannte – „schöne Russin“, der er jenes Geschenk verdankte, porträtiert. Es handelt sich dabei um eines seiner wenigen Frauenporträts, denn Liebermann schien zeit seines Lebens Hemmungen zu haben, Frauen darzustellen. Möglicherweise weil er es als Realist ablehnte, seine Bildnisse zu schönen, zu glätten, zu verjüngen oder zu heroisieren, was auch Männern, wie dem Hamburger Bürgermeister Carl Friedrich Petersen (s. Teil 2), missfiel.
Eine köstliche Anekdote, die man sich über Max Liebermann, dem keinerlei Liebschaften oder Affären nachgesagt wurden, erzählt, veranschaulicht dessen Haltung zur Weiblichkeit und Schönheit und offenbart das Wesen des Künstlers. Eine attraktive Dame, die mehrfach bei Max Liebermann Modell gesessen habe, habe sich ein Herz gefasst und diesen unmittelbar auf das Thema angesprochen. „Darf ich noch etwas hinzusetzen, Herr Professor, was Sie mir hoffentlich nicht übel deuten? Sie sind ein so berühmter, großer Künstler, aber Sie sind immer ein so braver Bourgeois und Ehemann gewesen – nie hat man etwas von einem Flirt oder dergleichen gehört – da blieb in Ihrem Leben wie in Ihrer Kunst wenig Platz für die Frauen im Allgemeinen.“ Liebermann habe pikiert und aufgebracht reagiert: „Jlauben Sie doch bloß das nich! Wat meinen Sie woll, wie oft ich jerade hier im Atelier, det jestehe ich janz offen, die heilige Lust verspürt habe, so eine hübsche Frau mal zu umarmen und abzuküssen – aber dann war immer jerade die Beleuchtung so schön, und da hab‘ ich se lieber jemalt.“

(c) M.Graß

Im zweiten der drei Heckengärten erwartet mich ein großzügiges Wegeoval, das entlang von schmalen Irisrabatten sowie um eine Rasenfläche führt, in deren Mittelpunkt ein mit Funkien und rotem indischen Blumenrohr bepflanztes Blumenbeet angelegt wurde. Kugelbuchsbäume und Schmucklilien betonen die Wegkreuzungen dieses Areals, das einer der Lieblingsorte von Liebermanns Enkeltochter Maria gewesen sein soll.

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Der ovale Heckengarten / Von Manfred Brueckels – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Diese lebte als erwachsene Frau in den USA, erbte nach dem Tod ihrer Mutter Käthe die Villa und verkaufte sie 1958 an das Land Berlin. Am 2. Mai 1997, kurz vor dem Richtfest des neu errichteten Liebermann-Palais am Pariser Platz, zu dem sie eingeladen war, verstarb sie im Alter von 80 Jahren in Kalifornien. An ihrer Stelle reiste ihre Tochter Katharine, Max Liebermanns Urenkelin, nach Berlin, die auch 2006 bei der feierlichen Eröffnung der Wannsee-Villa als Museum zugegen war, wo sie ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter auf Gemälden und Zeichnungen ihres Urgroßvaters begegnete. Zeitgleich präsentierte sie in der kaum zwei Kilometer entfernten Galerie Mutter Fourage ihre eigenen Arbeiten, denn sie ist in die Fußstapfen ihres berühmten Vorfahren getreten und lebt heute als Künstlerin auf einer Farm in Maine.


Ihr Urgroßvater übernahm, mutmaßlich aus Pflichtgefühl, nach Kriegsende und Ausrufung der Republik 1920 das Amt des Präsidenten der Akademie der Künste. Er war darum bemüht, die heterogenen Strömungen zu vereinigen und bezog dabei explizit den Expressionismus, mit dessen Vertretern er in den vergangenen Jahren manche Auseinandersetzung geführt hatte, ein. In seiner von Liberalität und Toleranz geprägten Eröffnungsrede betonte er: „Wer selbst in seiner Jugend die Ablehnung des Impressionismus erfahren hat, wird sich ängstlich hüten, gegen eine Bewegung, die er nicht oder noch nicht versteht, das Verdammungsurteil zu sprechen, besonders als Leiter der Akademie, die wiewohl ihrem Wesen nach konservativ, erstarren würde, wenn sie sich der Jugend gegenüber rein negativ verhalten würde.“

Bundesarchiv Bild 146-1998-029-9, Berlin, AdK-Ausstellung, Max Liebermann, Pierre de Margerie.jpg
Berlin – Eröffnung einer Ausstellung in der Akademie der Künste, in der Mitte Max Liebermann, 1922 / By Bundesarchiv, Bild 146-1998-029-9 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Deutschland hatte nur vier Jahre zuvor im Zuge der Novemberrevolution die Monarchie überwunden, was Liebermann mit gemischten Gefühlen erlebte, befürwortete er doch ein allgemeines Wahlrecht sowie demokratische Strukturen, doch fühlte er sich auch tief im Preußentum verwurzelt, als sich 1922 mit der Ermordung des liberalen Politikers Walther Rathenau von rechtsradikalen Aktivisten bereits der nächste Umschwung ankündigte.

Bundesarchiv Bild 183-L40010, Walter Rathenau.jpg
Walther Rathenau, 1921 / By Bundesarchiv, Bild 183-L40010 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Walther Rathenau war ein Neffe von Max Liebermann und trieb als junger Mann, wie erhaltene Skizzenbücher belegen, Malstudien bei seinem Onkel, den der Mord, der einen erkennbaren antisemitischen Hintergrund hatte, zutiefst aufwühlte.

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Selbstbildnis, 1922 / By Max LiebermannOwn work, Yelkrokoyade, 16 July 2015, CC BY-SA 4.0, Link

Er selbst musste indessen zunehmend persönliche Diffamierungen sowie antisemitische Kommentare in den Zeitungen erdulden und erhielt sogar Morddrohungen, die er nonchalant im Papierkorb verschwinden ließ. Wie er wiederholt betonte, wollte er ausschließlich als Künstler wahrgenommen werden, dessen Religionszugehörigkeit nichts mit seinem Schaffen, und ebenso wenig mit seiner Nationalität, zu tun habe.
Es schien, als zöge sich Liebermann mit der zunehmenden Verfinsterung seiner Umwelt mehr und mehr ins Private und in seinen Wannseegarten zurück. Dort trete ich in den dritten und letzten der Heckengärten, der asketisch streng wirkt. Ein Carré aus zwölf Linden, deren Kronen hoch gestutzt sind, ist in ein, an ein Spielbrett erinnerndes, quadratisches Wegenetz eingegliedert.

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Ich setze mich auf eine der beiden gegenüberstehenden Bänke, blicke empor in das Laub der Baumwipfel, die einen grünen Baldachin über meinem Kopf bilden, nehme die mannigfachen, durch den Lichteinfall entstehenden, Grünnuancen wahr, die mit dem Blau des durchscheinenden Himmels einen betörenden Effekt erzeugen und meinen Platz in einen Ort der Kontemplation verwandeln.

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Max Liebermann: Felix Liebermann, ca. 1865 / By Max Liebermann (verstorben 1935) – Scan aus: Max Liebermann – Poesie des einfachen Lebens., Public Domain, Link

Gut vorstellbar, dass Max Liebermann diese Bank am 7. Oktober 1924, als sein jüngerer Bruder Felix verstarb, mit dem ihn zeit seines Lebens eine innige Beziehung verbunden hat, aufgesucht hat.
Die nächste Hiobsbotschaft erreichte ihn, als seine Tochter beschlossen hatte, mit ihrer Familie nach Frankfurt am Main zu ziehen. Es wurde einsamer um Max Liebermann, der auf seine Mitmenschen vermehrt missmutig und mürrisch wirkte.
An glücklichere Zeiten erinnert der Fischotterbrunnen, der mich an der Gartenterrasse, die ich nunmehr erreicht und meinen Rundgang somit beendet habe, begrüßt. Max Liebermann hatte die vom Bildhauer August Gaul (1869 – 1921), dessen Tierfiguren an mehreren öffentlichen Plätzen im Berliner Stadtbild zu entdecken sind, gefertigte Plastik seiner Frau Martha 1909 als Weihnachtsgeschenk überreicht. Wie ich bereits aus der Ferne beobachten konnte, wird das von Fliedersträuchern umgebene Wasserbecken von Vögeln gerne für ein hastiges Bad und von Besuchern als beliebtes Fotomotiv genutzt. Es handelt sich bei dem Otter jedoch leider nicht um das Original, das ähnlich wie die Sonnenuhr als verschollen gilt, sondern um eine Replik.

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1927 trat Liebermann wieder in das Licht der Öffentlichkeit, als seine Heimatstadt sowie die internationale Kunstwelt seinen 80. Geburtstag feierten und es sich Gäste wie das Berliner Urgestein Zille und Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Heinrich und Thomas Mann und Hugo von Hofmannsthal nicht nehmen ließen, persönlich zu gratulieren.

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Dem Präsidenten der Preussischen Akademie der Künste wurde anlässlich der Feier seines 80sten Geburtstages eine Ehrengabe des Reichspräsidenten von Hindenburg, der „Adlerschild“ des Reiches, sowie ein Handschreiben des Reichspräsidenten überreicht / By Bundesarchiv, Bild 102-04548 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Berlin ehrte den Jubilar mit einer umfassenden Geburtstagsausstellung. Liebermanns ehemals provokanter Stil erschien mittlerweile klassisch und einer vergangenen Epoche entstammend, doch trat er weiterhin, obgleich seine Werke als altmodisch galten, für künstlerische Freiheit und gar für politische Kunst ein. Er unterstützte das umstrittene Gemälde „Schützengraben“ von Otto Dix, welches das Grauen des Weltkrieges emotional einfing und von der Kunstkritik als ein polemisches, unpatriotisches Antikriegsbild mit drastischer Gewaltdarstellung aufgefasst wurde. Auch wenn das Gemälde einen Skandal in der Kunstwelt hervorrief und Bestandteil der späteren Ausstellung „Entartete Kunst“ war, bezeichnete Liebermann es als „eines der bedeutendsten Werke der Nachkriegszeit“.
Er bemühte sich weiterhin seine Kunst von dem sich wandelnden Zeitgeist und politischen Einflüssen zu trennen. 1927 porträtierte er den Reichspräsidenten Hindenburg, zu dem er sich politisch nicht bekannte, den Auftrag aber gerne annahm und als Ehrung empfand.

Bundesarchiv Bild 146-1988-100-20, Max Liebermann vor Porträt "Paul von Hindenburg".jpg
Max Liebermann vor Porträt „Paul von Hindenburg“, 1927 / By Bundesarchiv, Bild 146-1988-100-20 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Den Angriffen, die insbesondere vor dem Hintergrund des grassierenden Antisemitismus von verschiedenen Seiten aufkamen, setzt er entgegen: „Über so etwas kann ich nur lachen. Ich bin überzeugt, wenn Hindenburg das erfährt, lacht er auch darüber. Ich bin doch nur ein Maler und was hat die Malerei mit dem Judentum zu tun?“ 
Der Gedanke, diese Liberalität könne schon bald barbarisch hinweggefegt werden, überstieg sicherlich Liebermanns Vorstellungen…

Hier geht es zu Teil 4 –> http://blog.mariograss.de/maxliebermann4/

2 Gedanken zu „Unterwegs in… Berlin (Wannsee)

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