Unterwegs … in Wuppertal

Eine Vollmondnacht mit Pina Bausch

Teil 2

„Es gibt keine Illusionen in Wuppertal,

und das hat auch etwas Positives, Schönes und Wichtiges.“

(Pina Bausch)

Pina - © terafoto

Pina – © terafoto

Bereits seit mehr als 45 Minuten, die wie im Fluge vergangen sind, folge ich dem Geschehen auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses, wo ich der Aufführung „Vollmond“, nach einer Choreografie von Pina Bausch, beiwohne. Als außerordentlich bemerkenswert empfinde ich bislang, wie unaufdringlich das Motiv der sternklaren Vollmondnacht, in der an Schlaf nicht zu denken ist, inszeniert wird. Der Mond ist für den Zuschauer nie zu sehen und wird nur selten erwähnt und doch ist er durchgehend wahrnehmbar – Pina hätte vermutlich gesagt „ahnbar“-, durch den Einfluss, den er auf die Agierenden ausübt. Deren mondsüchtigen Verhaltensweisen wären in der Tat nur schwer in den Strukturen eines klassischen Balletts darstellbar. Tänzer driften scheinbar ziellos in die Kulissen, sind hin- und hergerissen von introvertierter Selbstqual und enthemmter Extrovertiertheit. Einladend klopf eine Tänzerin auf einen Stuhl: „Gespenster“, raunt sie mit kehliger Stimme, „müssen auch manchmal sitzen.“ Fraglos – eine magische Nacht bricht an. Man greift beherzt gleich zu zwei Gläsern Wein, denn „es ist Vollmond. Man wird nicht betrunken.“

Möglicherweise nahm sich auch manch ein verstörter Zuschauer, der in den 1970er Jahren zu einem wohligen Ballettabend in das Wuppertaler Opernhaus kam, nach der Vorstellung gleich zwei Gläser, um das Gesehene möglichst schnell wieder zu verdrängen. Mit einem Brecht-Weil-Abend im Jahre 1976 brach Bausch endgültig mit den konventionellen Tanzformen. „Die sieben Totsünden“ war das Stück betitelt und in Anbetracht der öffentlichen Reaktionen, hatte Pina wohl zumindest eine Todsünde  begangen, indem sie die Erwartungen des Publikums nicht erfüllte. Die Tänzer tanzten nicht nur, sie sangen, spielten und präsentierten eine unerwartet schräge Revue über Geschlechterrollen. Den spürbar erschrockenen Anwesenden wurde eine völlig neue Form des Theaters geboten, bei der keine linearen Geschichten erzählt, sondern stattdessen Szenen montageartig aneinandergefügt wurden, um dem Zuschauer reichlich Raum für eigene Assoziationen zu lassen. Das Publikum reagierte ebenso verstört, wie die meisten Kritiker. Im Zuschauerraum kam es zu tumultartigen Szenen, bei denen Pina bespuckt und in der folgenden Zeit derart terrorisiert wurde, dass sie das Opernhaus nur in Begleitung betrat. Unter den Traditionalisten formierte sich erbitterter Widerstand. Buhrufe während der Vorstellungen waren an der Tagesordnung und auch vor nächtlichem Telefonterror wurde nicht Halt gemacht. Doch Pina ließ sich nicht beirren und setzte ihren eingeschlagenen Weg kompromisslos und unbeirrt fort.

In „Orpheus und Eurydike“ war der Bühnenboden vollständig mit Erde bedeckt, auf der sich die Tänzer bis zur Erschöpfung ausagierten und sich schließlich, von Erde und Schweiß bedeckt, zum Schlussapplaus, der jedoch nur von einzelnen Plätzen ertönte, aufreiten. So stellte man sich keine Ballerina vor.


Dominique Mercy -  © terafoto

Dominique Mercy – © terafoto

Den „Orpheus“ tanzte bereits damals der Franzose Dominique Mercy, der auch heute Abend, als mittlerweile fast 65jähriger auf der Bühne steht. Zwar ist dieser nicht mehr für die akrobatischsten Einsätze verantwortlich, aber seine geheimnisvolle Bühnenpräsenz fasziniert noch immer und somit zählt für mich sein Solo, in dem er seine verzweifelte Sehnsucht derart greifbar macht, dass es mich zu Tränen rührt, zu den berührendsten Szenen des Abends.

Solch erschütternde Expressivität, in der das Innere schonungslos nach Außen gekehrt wird, war in der damaligen Zeit etwas gänzlich Neues. Auf der einen Seite versteckten sich die Tänzer nicht mehr hinter erdrückendem Formalismus, aber auf der anderen Seite blieb das Publikum auch nicht mehr länger unbeteiligter Zuschauer. Auf der Bühne geschahen Dinge, zu denen man – zumindest innerlich – Stellung beziehen musste. Manchmal wurde das Publikum sogar während einer Vorstellung direkt angesprochen und in das Geschehen auf der Bühne mit einbezogen. Nicht wenige fühlten sich damals provoziert. „Der Saal war nie voll und leerte sich während der Vorstellung unter Krach und Türenschlagen“, erinnert sich Dominique Mercy. Es gab Drohungen, darunter einen Anruf im Ballettsaal, kurz vor einer anstehenden Asienreise: „Ich hoffe, ihr stürzt ab.“

Pina Bausch betonte Zeit ihres Lebens, dass Provokation niemals in ihrer Absicht lag, sondern es ihr stets ausschließlich um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit ging. „Mich interessiert nicht so sehr, wie sich Menschen bewegen, als was sie bewegt.“ Einige wenige erkannten und würdigten dieses auch, und so bildete sich von Anfang an, neben den lautstarken Protestlern, auch eine feste Gruppe von Bewunderern, die fasziniert waren, von dieser neuen Form des Theaters.

Trotz all der Anfeindungen, denen sie sich ausgesetzt sah, beharrte Pina auf dem von ihr eingeschlagenen Weg und gelangte nicht zuletzt durch ihren Mut zum Risiko, aber auch durch die durchgängig hohe künstlerische Qualität, zu Weltruhm. Das Tanztheater wurde in den folgenden Jahren zu dem erfolgreichsten deutschen „Kulturexportartikel“, denn da die Mitglieder des Ensembles aus aller Herren Länder kamen, waren Tourneen ein Zugeständnis an deren Fernweh und in jeder internationalen Metropole, die vom „Tanztheater Pina Bausch“ besucht wurde, sollte sich wiederholen, was aus Wuppertal bereits bekannt war. Neben anfänglicher Ablehnung, bildete sich stets augenblicklich ein treues Stammpublikum, das die Aufführungen enthusiastisch feierte.

Die Tänzer und Tänzerinnen der Gruppe entwickelten sich derweil zu wahren Allroundkünstlern. Mit ihrem Ensemble, zu deren Mitgliedern auch Mechthild Großmann zählte, die heute bundesweit als die gegen das Rauchen kämpfende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im Münsteraner Tatort bekannt ist, schuf Bausch ein Gesamtkunstwerk, das sich genauso von der Schönheit des Balletts, wie auch von der Perfektion des Modern Dance entfernte. Hier wurden Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit gezeigt. Man sah den ganzen „Schmutz und Glanz“ ihrer Seelen (Kleist).

Einige Tänzer der Anfangsjahre, die noch heute auf der Bühne stehen, haben einen guten Teil ihrer Lebenszeit in Wuppertal verbracht, einer Stadt, in der man, wie ich im Verlaufe des heutigen Nachmittages mehrfach feststellen konnte, an einer roten Fußgängerampel stets stehenbleibt, unabhängig davon, ob ein Auto auch nur schemenhaft am Horizont in Sicht ist und zusätzlich ein aufziehendes Gewitter keinen Zweifel daran lässt, dass man in den nächsten zwei Minuten bis auf die Haut durchnässt sein wird. Von ähnlichen Erfahrungen weiß auch Dominique Mercy zu berichten, der Wuppertal anfangs „nur als grau“ empfand und als „unerzogener Franzose“ von manch Wuppertaler Bürger ausgeschimpft wurde, wenn er eben doch bei Rot über die Ampel ging. Pina blieb Wuppertal trotz weltweiter Angebote treu. Vielleicht bot die Stadt ihr eine Grauzone, die so woanders nur schwerlich vorstellbar gewesen wäre. Sie führte ihr Theater als GmbH, unterschrieb keinerlei Verträge mit der Stadt, behielt sämtliche Rechte an ihren Stücken und vermachte diese später ihrem Sohn Salomon, der mittlerweile eine Stiftung ins Leben gerufen hat, mit dem Ziel eine Art lebendiges Pina Bausch-Archiv zu schaffen.


Die Wupper - © M.Graß

Die Wupper – © M.Graß

Der Vollmond leuchtet in kalten, schummrigen Tönen über der Bühne, auf der Julie Anne Stanzak soeben ein wunderschönes, elegantes Solo tanzt. Sie stammt aus New Orleans und liebt den Mississippi, an dem sie einst aufgewachsen ist. Heute wirft sie manchmal weiße Chrysanthemen in die Wupper und schaut den Blüten nach, bis sie am Horizont in einem kleinen Strudel verschwunden sind und nicht mehr auftauchen. Das bringe Glück, weiß sie von einer Freundin. Mittlerweile beschleichen sie „familiäre Gefühle“, wenn sie an Wuppertal denke. Wuppertal sei zwar nicht Rom, aber freundlicher als sein Ruf und vor allem sei „es toll, in einer Stadt zu wohnen, die nach einem Fluss benannt ist.“

Diejenigen, die sich mit der Wahlheimat im Bergischen Land weniger anfreunden konnten, „wurden unglaublich entschädigt“, legt Lutz Förster, ein Wegbegleiter seit den frühen 1970er Jahren und heutiger Leiter des „Tanztheaters Pina Bausch“, dar. Denn seit den 1980er Jahren ist das Ensemble einen erheblichen Teil des Jahres in der ganzen Welt unterwegs. Tourneen führten in die internationalen Metropolen Paris, New York, Tokio, Rio, Mumbai, Seoul oder London. Doch über all die Zeit blieb Wuppertal eine Art Anker. In diese unaufgeregte Stadt kehrte das multikulturelle Ensemble regelmäßig zurück. Vielleicht war eine Art Einkehr nötig, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten, doch vor allem war Wuppertal für Pina eine Stadt um zu arbeiten und das tat sie geradezu mit Besessenheit. Lutz Förster erinnert sich, dass sich die Gruppe „nur jeweils für ein paar Stunden voneinander getrennt [hat], um im eigenen Bett zu schlafen.“

Fragte man Pina nach den Beweggründen für ihre unermüdliche Schaffenskraft, sagte sie nur ein Wort: „Sehnsucht.“

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