Unterwegs in… Kreuzberg

Rio Reiser – Teil 2: Solidarität

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„Uns fehlt nicht die Hoffnung, uns fehlt nicht der Mut
Uns fehlt nicht die Kraft, uns fehlt nicht die Wut

Wir haben keine Angst zu kämpfen
Denn die Freiheit ist unser Ziel
Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität“
(aus: Ton Steine Scherben – „Solidariät“)

Nach ihrer ersten Single „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und dem denkwürdigen Auftritt auf dem chaotischen Love and Peace Festival in Fehmarn sind Ton Steine Scherben in der linken Szene rasch zur Kultband avanciert.

Die Scherben wurden sogleich zu Konzerten im gesamten Bundesgebiet eingeladen, wenngleich sie für Konzertreisen genau genommen weder das nötige Equipment noch die gebotene Bühnenerfahrung aufweisen konnten. Um ihren Zuhörern das Selbstverständnis der Gruppe zu verdeutlichen, verfassten sie ein Traktat unter dem Titel „Musik ist eine Waffe“, in dem sie ihren Anspruch formulierten. „Wir wollen die Feinde des Volkes nennen. ‘Macht kaputt, was euch kaputt macht – zerstört das System, das euch zerstört’. (…) Ein Lied hat Schlagkraft, wenn es viele Leute singen können. Unsere Lieder sind einfach, damit viele sie mitsingen können. Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. Unser Publikum ist der Maßstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter. Von unserem Publikum haben wir gelernt, Lieder zu machen, nur von ihnen können wir in Zukunft lernen, Lieder für das Volk zu schreiben.”
Bassist Kai Sichtermann formuliert es treffend: „Wir waren musikalische Graffiti-Sprayer.“ Rio hatte von Anbeginn die Vorstellung, Volksmusik (nicht zu verwechseln mit volkstümlicher Musik) zu erschaffen, die Sprache der Menschen seiner Umgebung aufzugreifen und ihre Themen pointiert zu formulieren, ohne dabei oberlehrerhaft zu erscheinen.
Trotz erster Konzertreisen blieb das zentrale Milieu der Scherben Kreuzberg, ein Bezirk, der von den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs hart getroffen wurde. Nahezu 40 Prozent der Gebäude waren zerstört und es dauerte bis in die 1950er-Jahre, bis der zaghafte, planmäßige Wiederaufbau einsetzte.

Oranienstraße nach dem alliierten Luftangriff auf Berlin am 3. Februar 1945
(c) Bundesarchiv, Bild 183-J31328 / CC-BY-SA 3.0

Ich stehe am Kottbusser Tor, dem Platz, der seit mehr als 100 Jahren von dem Hochbahnhof, der 1902 mit der Eröffnung der ersten U-Bahn-Linie Berlins in Betrieb genommen wurde, dominiert wird und von Berlinern kurz „Kotti“ genannt wird.  

Eröffnung des Hochbahnhofs Kottbusser Tor am 4. August 1929.
(c) Hrsg. BVG und NSAG, S. 5. / Public domain

Hier ist in den 1960er und 1970er-Jahren das „Neue Kreuzberger Zentrum“, ein monumentaler Baukomplex mit Wohnungen und Geschäften, entstanden. Zu jener Zeit sah die Berliner Stadtplanung vor, den Bezirk großflächig abzureißen, um Platz für eine neue Autobahntrasse zu schaffen. Infolgedessen wurden Wohnungsbaugesellschaften beauftragt, in den umliegenden Straßen Ankäufe und Entmietungen vorzunehmen, womit die Häuser zwangsläufig dem Verfall preisgegeben waren und nahezu ausschließlich befristet an Gastarbeiter oder Studenten vermietet wurden.
Während die vermieteten Wohnungen bewusst verkamen, um sie letztlich gezielt unbewohnbar zu machen, verfielen ganze Straßenzüge und wurden gar von den stationierten US-Soldaten für Nahkampfübungen und Häuserkampfsimulation genutzt. Als ich in einer alteingesessenen Kneipe am Heinrichplatz zufällig Jürgen treffe, der seine Kindheit hier verbracht hat, erinnert sich dieser: „Wenn wir als Kinder in der Adalbertstraße unterwegs waren, kamen uns aus den Häusern tatsächlich schwer bewaffnete US-Soldaten entgegen und andere schlichen mit der MP im Anschlag um die verfallenen Häuser.“

Zentrum Kreuzberg (Südseite) /
(c) M.Graß

Ich nehme heute am Kottbusser Tor ein exorbitantes Symbol für städtebauliche Fehlplanung in Augenschein. Die Nordseite des lang gezogenen Betonklotzes wies ursprünglich keine Fenster auf, da dort die neue Autobahn geplant war. Da diese jedoch nie realisiert wurde, werden diese nun nachträglich mitsamt einer neuen Fassadenverkleidung eingebaut.

Zentrum Kreuzberg (Nordseite) / (c) M.Graß

Viele der neuen Mieter zogen aufgrund der engen Wohnsituation schon bald wieder aus und Gewerbeflächen verzeichneten zunehmend Leerstände. Das wiederum führte zu wachsender Kriminalität und Verslumung, worauf der Senat mit einigen Umbaumaßnahmen reagierte, doch rund um den Platz hat sich bis heute eine kaum übersehbare harte Drogenszene etabliert und die Zahl der Diebstähle im Bereich des Kottbusser Tors ist auf eine erschreckende Zahl angewachsen.

Zentrum Kreuzberg / (c) M.Graß

„Das passiert, wenn Profis und der freie Markt etwas regeln“, möchte ich manch einem Politiker zurufen. Gegen das damalige Vorgehen des Senats regte sich in Kreuzberg leidenschaftlicher Widerstand, der andernorts auch Erfolg aufweisen konnte und an der Spitze dieser Protestbewegung standen Rio und die Scherben.
Am 1. Mai 1971 spielten sie erstmals auf der Demonstration, aufgrund derer Kreuzberg alljährlich in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit tritt und galten nunmehr als die Band der Kreuzberger Gegenkultur.
Zu einem bedeutenden Ort für die Geschichte der Scherben entwickelte sich der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegte, parkähnliche Mariannenplatz, auf dem zwischen 1845 und 1847 das Diakonissen-Krankenhaus Bethanien errichtet wurde.

Das ehemalige Bethanienkrankenhaus /
(c) M.Graß

Als die Scherben ihre ersten Liveauftritte absolvierten, war das Bethanienkrankenhaus bereits stillgelegt und sollte dem geplanten Autobahnzubringer weichen. Gegen die politischen Absichten, Kreuzberg zu einem modernen Geschäftsviertel umzugestalten und alte Bausubstanz verfallen zu lassen, während es beispielsweise für Jugendliche kaum einen Ort gab, an dem sie sich entfalten konnten, entwickelte sich eine breite Protestbewegung, zu deren Sprachrohr sich die Scherben entwickelten.
Am Mariannenplatz 13 befand sich ein leerstehendes Fabrikgebäude, das heute nicht mehr existiert. Im Umfeld der Band, kam die Idee auf, das Haus für Jugendliche nutzbar zu machen und ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, dort einen Treffpunkt in Eigenregie zu etablieren. Als die Scherben am 3. Juli 1971 in der Technischen Universität auftraten, rief Rio am Ende des Konzertes das Publikum auf, zum Mariannenplatz zu kommen, um dort die einstige Fabrik zu besetzen. Die Menschenmenge, die zu später Stunde auftauchte, kann als überschaubar bezeichnet werden, sodass die erste erfolgreiche Hausbesetzung Berlins ohne große Aufregung vonstattenging und von der Staatsmacht sowie der Nachbarschaft kaum registriert wurde.

Video: Ton Steine Scherben bei der Hausbesetzung am Mariannenplatz 13

Ein Teil des Umfeldes der Scherben hatte sich mittlerweile radikalisiert. Ein Jahr zuvor erlebte die RAF mit der Gefängnisbefreiung von Andreas Baader ihre Geburtsstunde. Setzte sich diese vorrangig aus Personen aus dem studentischen Milieu zusammen, für deren Sprache Rio wenig empfänglich war und deren autoritärer Führungsanspruch ihm missfiel, fand er gedanklich und emotional eher Zugang zu Gruppen wie dem „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“, aus dem später die „Bewegung 2. Juni“ hervorging. Neben „Bommi“ Baumann und Hans Peter Knoll schloss sich auch Georg von Rauch der Gruppierung an. Dieser war wie so viele durch die Schüsse auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke aufgewiegelt worden und ging in den Untergrund. Am Abend des 4. Dezembers 1971 wurde er in Berlin-Schöneberg von Zivilfahndern gestellt und von einem Polizeibeamten bei einem Schusswechsel tödlich in den Kopf getroffen.
Rio war empört, als ihn die Nachricht erreichte und rief vier Tage später im Anschluss an ein Konzert erneut zu einer Hausbesetzung am Mariannenplatz auf. Er hatte das einstige Schwesternwohnheim des Bethanienkrankenhauses ausgewählt. Der Aufruf verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch Kreuzberg und schon bald hatten sich Hunderte versammelt, rissen den Maschendrahtzaun, der um das Gelände verlief, nieder und besetzten das Martha-Maria-Haus. Die Polizei mühte sich vergeblich, mithilfe von Schlagstöcken und Tränengas die Menschen vom Mariannenplatz zu vertreiben. Mittlerweile hatten sich die Besetzer im Gebäude verbarrikadiert und das Gebäude auf Rios Vorschlag hin in „Georg-von-Rauch- Haus“ umbenannt. Es war offenkundig, dass die Polizei bestenfalls durch Anwendung unverhältnismäßiger Gewalt die Situation hätte klären können, sodass die Stadtverwaltung zu Verhandlungen überging und zusagte, das Gebäude nicht räumen zu lassen. Noch im selben Jahr erhielten die neuen Bewohner einen vorläufigen Nutzungsvertrag.
Rio hat die Vorgänge in dem „Rauch-Haus-Song“ festgehalten, der sich zu einem Klassiker im Programm der Scherben entwickelte und bis heute mit den Zeilen „Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus!“ eine Hymne der Hausbesetzerszene in ganz Deutschland geblieben ist.

VIDEO: Ton Steine Scherben – “Rauch-Haus-Song”

Die einstigen BesetzerInnen sind längst ausgezogen, doch das Georg von Rauch-Haus existiert bis heute als selbstverwaltetes Wohnprojekt und somit ältestes seiner Art in Berlin. Ich stehe vor dem geschichtsträchtigen, mit Graffiti übersäten Gebäude, das auf mich wenig einladend wirkt. Hinter einer Mauer, die zusätzlich mit NATO-Draht gesicherte ist, erblicke ich zwischen alten Unimogs und löchrigen Zeltplanen allerlei Gerümpel. Hier scheint kreatives Chaos zu herrschen. Die Szenerie wirkt auf mich trutzburgähnlich. Doch womöglich ist diese Verschanzung notwendig, denn in der Vergangenheit ist das Georg-von-Rauch-Haus bereits Ziel von einem Brandanschlag geworden. Möglicherweise möchten die etwa vierzig Menschen, die heute hier leben, aber auch verhindern, zu einem lebenden Museum und Touristenziel zu verkommen.

Georg-von- Rauch-Haus  /
(c) M.Graß   

                                                                                

Das einstige Hauptgebäude des Bethanienkrankenhauses, auf dessen durch zwei schlanke Türme gegliederten imposanten Eingangsbereich ich blicke, hat die Türen hingegen weit geöffnet. Nach wechselhafter Geschichte steht das neugotische Gebäude heute unter Denkmalschutz und beherbergt das Kunstquartier Bethanien.

Kunstraum Bethanien / (c) M.Graß

 Als das Krankenhaus 1970 geschlossen und der großflächige Abriss beschlossen war, setzte ein vehementer “Kampf um Bethanien ” ein. Hausbesetzungen, mitunter von Rio und den Scherben initiiert, Bürgerinitiativen und Denkmalschützer konnten den drohenden Verlust des historischen Gebäudes verhindern. 1973 willigte der Berliner Senat ein, Künstlergruppen und dem Berufsverband Bildender Künstler Berlin des Gebäudes als „Zentrum für Kultur und Soziales“ zu überlassen.
Als die Bezirksverordnetenversammlung 2002 den Verkauf des Bethanien an einen Privatinvestor beschloss, hatte diese Wendung erneut vehemente Proteste zur Folge. Abermals fanden Besetzungen von Räumlichkeiten und Bürgerbegehren statt, die schließlich von Erfolg gekrönt waren. Das Bethanien verblieb in öffentlicher Hand und die Weichen für eine Entwicklung hin zu einem offenen Zentrum waren gestellt, sodass heute eine Vielzahl kleinerer und größerer Initiativen und Projekte als Mieter das Gebäude bezogen haben und dieses vollständig nutzen.

Kunstraum Bethanien, Eingangsbereich /
(c) M.Graß

Ich schlendere durch die langen Gänge des ehemaligen Krankenhauses und passiere eine Druckwerkstatt, diverse Ausstellungsräume, ein Café, zahlreiche Künstlerateliers sowie Proberäume für Tanz- und Theaterprojekte.
Nach einiger Zeit erreiche ich die erhalten gebliebene Apotheke, in der einst Theodor Fontane gearbeitet hat und die sich in unmittelbarer Nähe zu den Räumlichkeiten befindet, die von der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg genutzt werden. Mir gefällt der Gedanke, dass dieser Bereich heutzutage zum Musizieren genutzt wird, da dies bereits vor 50 Jahren der Fall war, als die Scherben hier ihren Proberaum eingerichtet hatten.

Theodor Fontane-Apotheke / (c) M.Graß

Im Rauch-Haus lernt Rio Andy kennen und lieben. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er zumindest seinem Bruder eröffnet, schwul zu sein, doch erst jetzt wurde die Tatsache für sein näheres Umfeld sichtbar. Zwar stand Rio von nun an offen zu seiner Homosexualität, doch thematisierte er diese bis Mitte der 1980er-Jahre kaum, denn zu jener Zeit galt schwul sein selbst in der angeblich toleranten linken Szene als dekadente Wichtigtuerei und Rockmusik war ohnehin ein männliches und heterosexuelles Geschäft. Rio litt unter dieser Situation, wie seinem Tagebuch zu entnehmen ist: „Es ist einfach krank. Ich weiß aber wirklich nicht, was ich anders machen soll… Die Angst. Aber was soll ich machen? Es ist nicht meine Krankheit, dass ich Männer liebe. Die Angst, das ist meine Krankheit. Und die ist eben lebensgefährlich.“
An einer Außenmauer des Bethaniens entdecke ich ein großes Plakat, auf dem in Anspielung an den Scherben-Song „Der Traum ist aus“ geschrieben steht: „Wir werden alles geben, dass dein Traum Wirklichkeit wird“. Mit diesen Worten wird an den kürzlich verstorbenen Bernd Heidbreder erinnert, der 1995 aus Deutschland geflohen war, nachdem sein Plan, ein im Bau befindliches Abschiebegefängnis zu sprengen, aufgedeckt wurde. Er ließ sich in Venezuela nieder, wo er 2021 an einem Krebsleiden verstarb. Zeit seines Lebens hatte er sich gegen Rassismus eingesetzt und als Motiv für seine geplante Tat angegeben, nicht hinnehmen zu wollen, dass kurdische Flüchtlinge in ihre einstige Heimat abgeschoben werden, womit deren Tod bewusst in Kauf genommen werde.  
Ich spaziere an Nebengebäuden mit weinberankten alten Mauern vorbei, in denen die Arbeiterwohlfahrt, das Jugendamt, das Pestalozzi-Fröbel-Haus, das hier ein Grundschulprojekt initiiert hat und weitere Jugend- und Sozialeinrichtungen Platz gefunden haben. Mehrfach begegnen mir Menschen, die ihre Hunde ausführen oder ihre Kinder aus einer der ansässigen Tagesstätten abholen. Ich entdecke ein Freiluftkino und mit Graffiti übersäte Mauern. Im Gegensatz zum nahen Kreuzberger Zentrum ist hier ein offenkundig funktionierender, konstruktiver und kreativer Lebensraum entstanden. Der jahrzehntelange Kampf um den Gebäudekomplex hat sich gelohnt.

Ich gelange an ein handschriftlich gestaltetes Schild, hinter dem sich eine naturnahe Grünfläche erstreckt. „Willkommen im Ton-Steine-Gärten-Nachbarschaftsgarten“ lese ich und nehme die Einladung „tritt ein“, die auf dem Schild geschrieben steht, gerne an. Ich spaziere auf schmalen Pfaden durch eine bunte Wildblumenwiese, vorbei an hohen Gräsern, diversen Kräutern und selbst gebastelten Rankhilfen.

Ton-Steine-Gärten / (c) M.Graß

  

Auf einem gemähten Stück Wiese haben es sich drei junge Damen zu einem Picknick gemütlich gemacht und als ich ihnen ein freundliches „Hallo“ zurufe, werde ich sogleich zu Kaffee, selbst gebackenem Apfelkuchen und mit Kräutern aus dem Gemeinschaftsgarten verfeinerter Limonade eingeladen. Meine drei herzlichen Gastgeberinnen erzählen mir von der Geschichte des Gartens. „Hier war vor 15 Jahren noch ein betonierter Platz, bis ein paar Leute aus den umliegenden Häusern auf die Idee kamen, gemeinschaftlich einen Garten zu gestalten… als Treffpunkt, als Ort zum Entspannen und zur Selbstversorgung.“ Nachdem die Forderung nach einer Fläche für ein derartiges Projekt keinen Erfolg gehabt habe, sei das Areal kurzerhand besetzt worden. Die anschließenden Verhandlungen mit dem Bezirk verliefen erfolgreich, sodass hier seit 2009 offiziell gemeinschaftlich gegärtnert werden dürfe. Als Erinnerung an Rio Reiser und seine Band, die einen enormen Einfluss auf dieses Areal hatten, wurde beschlossen, den Garten „Ton-Steine-Gärten“ zu taufen.
Die Scherben erwarben sich alsbald den Status der Hausbesetzer-Band. Ihre Konzerte waren zugleich politische Veranstaltungen, bei denen Rio zwischen den Songs aus der Mao-Bibel vorlas oder gar Schriften der RAF im Publikum verteilen ließ. Im Anschluss an ihre Auftritte kam es zumeist vor Ort, egal ob in Berlin oder im weiteren Bundesgebiet, zu einer neuen Hausbesetzung. Doch bei aller Anerkennung und Beliebtheit litten die Scherben von Anbeginn unter dem Grundsatz, dass Genossen von Genossen kein Geld nehmen, weshalb das Wort „Eintrittspreis“ bei Konzerten gar nicht erwähnt wurde, sondern stattdessen ein Solidaritätsbeitrag vom kaum mehr als 2 DM erbeten wurde, der bestenfalls ausreichte, die laufenden Kosten zu decken. Um Ausgaben zu sparen, übernachteten die Bandmitglieder bei Konzerttouren auf Matratzen in umliegenden WGs.
Bassist Kai Sichtermann erinnert sich, dass es für Rio von großer Bedeutung war, dass die Band nicht nur gemeinsam Musik machte, sondern auch zusammenlebte. „Der Kollektivgedanke war ganz wichtig für Rio.“ Bald ergab sich die Gelegenheit, bei dem befreundeten Jörg Schlotterer, damals im Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) aktiv, einzuziehen, der eine 8-Zimmer-Altbau-Wohnung im 2. Stock am Tempelhofer Ufer 32 bewohnte. 2013 wurde am Eingangsbereich des Wohnhauses eine Gedenktafel enthüllt, die an Rio erinnert. Jörg Schlotterer wurde somit Mitglied der Band, übernahm fortan organisatorische Aufgaben, spielte bei einigen Songs Flöte und wurde ironisch zum „religiösen und ideologischen Berater“ ernannt.

Tempelhofer Ufer 32 / (c) M.Graß




Da unter ihrer neuen Adresse auch das gesuchte RAF-Mitglied Holger Meins gemeldet war, erhielten die Scherben von Beginn an regelmäßig Besuch von der Polizei, was sich, als junge Trebegänger und geflohene Heimkinder in der WG Unterschlupf fanden, noch steigerte, da „die Kurzen”, wie die Scherben sie nannten, regelmäßig mit dem Gesetz in Konflikt gerieten.
Im selben Jahr erschien mit „Warum geht es mir so dreckig?“ ihr erstes Album, das sie, wie bereits die erste Single, im Eigenverlag veröffentlichten. Dementsprechend laienhaft wirkte bereits das Cover, das aus mit Heftklammern zusammengetackerter, brauner Pappe bestand, auf dem neben dem Titel die Telefonnummer der Band abgedruckt war, was zur Folge hatte, dass von nun an das Telefon am Tempelhofer Ufer nicht mehr still stand. Auch die Qualität der Aufnahme litt erheblich unter den bescheidenen, wenig professionellen Produktionsbedingungen.

Cover “Warum geht es mir so dreckig?”
(c) Michael Fiegle / Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0

Neben Lanrue, Kai Sichtermann, Wolfgang Seidel und Rio, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Ralph Möbius, wurde auf dem Cover auch ein gewisser Nikel Pallat als Bandmitglied aufgeführt. Dieser war eines Tages in einem blau-weiß gestreiften Anzug und extravaganten Stiefeln bei den Scherben aufgetaucht, verkündete der bereits von seinem Anblick verdutzten Band, sie als Zuschauer beim legendären Fehmarn-Festival gesehen zu haben und selbst Texte zu schreiben. Als er beherzt einen seiner Texte singend vortrug, konnte sich die Band vor Lachen kaum halten und war sich schnell einig, dass jemand, der selbst im illustren Umfeld der Scherben äußerlich auffällt und derart verrückt, extrovertiert und offen auftritt, die Band perfekt ergänzen würde. Zudem spielte Pallat Saxofon, ohne zu behaupten, dass er das Instrument beherrsche und hatte eine Ausbildung als Steuerberater durchlaufen. Damit war der Plan perfekt: Nikel Pallat wurde Manager von Ton Steine Scherben.
Im Dezember 1971 absolvierte Pallat einen bis heute legendären Auftritt im WDR, der in die Fernsehgeschichte einging und bis heute in kaum einer Kuriositäten-Rückschau fehlt. Bei den Scherben wurde angefragt, ob ein Bandmitglied in einer Talkrunde über das Thema politische Ansprüche und Kommerzialisierung in der Musikbranche mitdiskutieren wolle. Nach kurzer Beratung stand der Beschluss fest, dass Nikel Pallat die Aufgabe übernehmen solle, um vor laufenden Kameras einen tollkühnen Plan umzusetzen. Nachdem Nikel ein Wortgefecht mit einem Vertreter der Plattenindustrie provoziert hatte, zog er ein Beil aus seinem Jackett und schlug auf den Diskussionstisch ein. Das anarchische Spektakel trug zwar zum Ruhm der Scherben bei, doch machte es sie weder für die Plattenindustrie noch für das Fernsehen attraktiver, sodass weitere Talkshowanfragen ab jenem Zeitpunkt ausblieben.

Video: Nikel Pallat und der Tisch (1971)

Nikel Pallat war bei Weitem nicht der Einzige, der unaufgefordert in der Scherben-WG auftauchte. Rio erinnerte sich, dass ständig jemand an der Tür geklingelt habe, der die Band irgendwo gesehen oder gehört hatte oder sich vergewissern wollte, ob es sie wirklich gäbe. Manch einer ging nach wenigen Stunden und manch einer blieb dauerhaft. Die WG war zu einem offenen Haus geworden, zu der mittlerweile auch Antje Krüger, die ehemalige Freundin von Rainer Langhans aus der Kommune 1, Britta Neander, die Jahre später mit Carambolage eine der ersten deutschen Frauenrockbands gründen sollte sowie die Malerin Christine Schily, Ehefrau des Rechtsanwalts Otto Schily, zählten. Irgendwann wohnten etwa 20 Menschen, die zuweilen noch Freunde und Liebschaften mitbrachten, in den Räumlichkeiten. Rio gefiel dieses mitunter chaotische Miteinander sehr. Er mochte es, wenn sich alle um einen großen Tisch versammelten, um gemeinsam zu essen und zu diskutieren. Niemand stand über jemandem und niemandem gehörte mehr als dem anderen. Das entsprach zeit seines Lebens Rios Ideal des Zusammenlebens.
Auch der bewaffnete Untergrund, wie die Mitglieder der terroristischen „Bewegung 2. Juni“ Anne Reiche und Bommi Baumann, ging am Tempelhofer Ufer ein und aus. „Das war eine sehr konspirative Wohnung”, bemerkte Lanrue, was monatliche Polizeibesuche in den frühen Morgenstunden zur Folge hatte. Rio hatte deshalb stets seinen Personalausweis griffbereit neben seinem Kopfkissen bereitgelegt. „Anstrengend war es vor allem für die – ich meine, ich hatte `n Hochbett da oben. Ich lag da mit Andy in diesem einen winzigen Zimmer, und die mussten mit ihren MPs jetzt die Leiter hochklettern. Hätte ich da `ne Knarre gehabt, wäre der Kopf weg gewesen von denen. Da hätte ich auch nicht mit denen tauschen wollen“, erinnerte sich Rio schmunzelnd an die Polizeieinsätze.
Manch ein vorübergehender Übernachtungsgast ist beim energischen Klopfen an der Eingangstür blitzartig über eine Treppe in den Hinterhof verschwunden. Die Polizeieinsätze wurden zum Ritual, das oftmals damit endete, dass die Einsatzbeamten bei Sonnenaufgang mit den BewohnerInnen in der Küche gemeinsam Kaffee tranken und dabei das herumliegende Haschisch geflissentlich übersahen.
Die Mitbewohnerin Britta Neander erinnerte sich an ihre Zeit am Tempelhofer Ufer. „Wir wollten nicht wie in einer üblichen WG mit Koch- und Putzplänen leben.“ Es sei ein offenes Haus gewesen, in dem jeder leben konnte, wie es seinen oder ihren Vorstellungen entsprach. Eine Schwierigkeit sei von Anbeginn gewesen, dass nur sehr wenig Geld für die vielen hungrigen Mäuler zur Verfügung gestanden habe und daher die Nahrungsmittel zuweilen mit Überschreitung der Legalitätsgrenze organisiert werden mussten. Auch auf skurrile Gerichte wie Krautsalat mit Gummibärchen oder überbackene Mehl-Apfelsinen habe man in der Not zurückgreifen müssen.
Mit ihrer zweiten LP „Keine Macht für Niemand“ formulierten die Scherben pointiert die Ideen und Vorstellungen der radikalisierten Linken und forderten mit ihren Texten zum Widerstand gegen das bestehende System auf. Wie üblich publizierte die Band das Album in Eigenregie, faltete und tackerte die Cover eigenhändig, wobei jeder, der sich am Tempelhofer Ufer blicken ließ, zur tatkräftigen Mithilfe aufgefordert wurde.

Cover „Keine Macht für Niemand“

 Der Titelsong entwickelte sich zur Hymne der linken Szene und der Aufforderung „Schreib die Parole an jede Wand“ wird bis heute nachgekommen, taucht der griffige Slogan „Keine Macht für Niemand“ doch nach wie vor auf Transparenten und Graffiti auf. Rio widersprach der zirkulierenden Behauptung, der Song sei von der RAF in Auftrag gegeben worden. Tatsächlich seien es die Mitglieder der Bewegung 2. Juni gewesen, die um ein derartiges Lied gebeten hätten. Dessen ungeachtet bestand sicherlich eine gewisse Nähe zwischen den Scherben und der RAF. So bemühte sich die RAF, Jörg Schlotterer, der sich mit Jan-Karl Raspe, Andreas Baader und Holger Meins in Frankfurt traf, für den bewaffneten Kampf zu gewinnen. Auch wurden die Scherben bei der Suche nach Wohnungen herangezogen. So erinnert sich Kai, für eine ihm nicht bekannte Person einen Unterschlupf gesucht zu haben, doch als die Nachricht die Runde gemacht habe, die Terroristin Brigitte Mohnhaupt sei verhaftet worden, habe er kurz darauf die Mitteilung erhalten, die Wohnung würde nicht mehr benötigt.
Auch wenn sie das Lied nicht in Auftrag gegeben haben, soll Andreas Baaders Urteil über „Keine Macht für Niemand“ vernichtend ausgefallen sein. Es heißt, er, der sich mutmaßlich einen unmittelbaren Gewaltaufruf gewünscht hätte, habe es für „irrelevanten Blödsinn“ gehalten. Vor allem aber schloss der Ausruf „Keine Macht für NIEMAND“ die terroristischen linken Gruppen mit ein. Diesen Widerspruch hat Rio frühzeitig erkannt und Gruppen wie der RAF die imaginäre Frage gestellt, was sie denn, sollte der angestrebte Umsturz gelingen, mit ihrer gewonnenen Macht bewirken wollten. „Wollt ihr dann über andere bestimmen…andere unterdrücken? Wer oder was gibt euch das Recht, sich zum Herrn über Leben und Tod aufzuschwingen?“

VIDEO: Ton Steine Scherben – Keine Macht für Niemand – Live 1976

Auch wenn Ton Steine Scherben nach herkömmlichen kommerziellen Maßstäben nicht erfolgreich waren, was nicht weiter verwundert, wurden ihre Platten doch weder im Radio gespielt noch in Plattenläden angeboten, hatten und haben ihre Songs wie „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, „Der Traum ist aus“, „Keine Macht für Niemand“ oder „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ politischen Einfluss auf die deutsche Linke und von Rio formulierte Zeilen finden sich noch im heutigen Sprachgebrauch wieder.Das können nicht viele zeitgenössische Künstler von sich behaupten, weshalb es in Kreuzberg Bestrebungen gibt, zum Gedenken an Rio Reiser eine dauerhafte Erinnerung zu schaffen. Das Berliner Amtsblatt vermeldet im April 2021 in seiner Ausgabe Nr. 16, 71. Jahrgang: „Gemäß dem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung, DS/1436/V wird hiermit die Umbenennung der im Ortsteil Kreuzberg gelegenen öffentlich gewidmeten Platzfläche Heinrichplatz, Flurstück 346 der Flur 197 der Gemarkung Kreuzberg, in Rio-Reiser-Platz ausgesprochen.“
Ich habe den besagten Heinrichplatz, der nach dem Willen der Bezirksverordnetenversammlung schon bald den Namen Rio-Reiser-Platz tragen soll, erreicht. Das Gebiet war bereits um 1900 vollständig bebaut und die Anwohner kauften ihre Zeitungen an einem kleinen Kiosk, an dem sie sich sicherlich auch über die Zuzüge und Veränderungen in der Nachbarschaft austauschten. 120 Jahre später existiert dieser Kiosk noch immer, doch hat mittlerweile ein Asia-Imbiss, der statt der aktuellen Tagespresse gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch und Gemüse anbietet, das kleine Häuschen bezogen.

einstiger Kiosk am Heinrichplatz / (c) M.Graß

Ab etwa 1860 entstanden hier die ersten drei bis vier Stockwerke hohen Mietshäuser, die umgehend von Beamten, Angestellten und Kaufleuten mit mittlerem Einkommen bezogen wurden. Da die Wohnungen sehr gefragt waren, wandelten sich die Mietshäuser alsbald zu Spekulationsobjekten und die von der Hoffnung auf eine Kapitalanlage mit hoher Rendite geleiteten Eigentümer wechselten stetig.
In der Folge wurden die Gebäude aufgestockt, Hinterhäuser und Seitenflügel angebaut, wodurch Höfe entstanden, in denen sich Handwerker ihre Werkstätten einrichteten. Nach den massiven Zerstörungen des 2. Weltkrieges stellten die Eigentümer die Instandhaltung ihrer Häuser weitestgehend ein, setzen stattdessen auf Entmietung, öffentlich geförderten Abriss oder vergaben die maroden Wohnungen befristet an einkommensschwache Gastarbeiter. Ansässige Läden mussten schließen, die Höfe verrotteten und die Häuser verfielen. Vor diesem Hintergrund textete Rio Reiser Zeilen wie „Wir brauchen keine Hausbesitzer. Denn die Häuser gehören uns“.
An einer mit Graffiti verzierten Hauswand entdecke ich den geschwungenen, verblassten Schriftzug „Möbel Klitzke“. Hier hat Lanrue eine Weile als Aushilfskraft gearbeitet und mit seinen Erfahrungen Rio zu dem bis heute aktuellen Song „Sklavenhändler“ inspiriert.

Ehemaliges Geschäft Möbel Klitzke / (c) M.Graß

Ich betrete die Eckkneipe „Zum Elefanten“, die von außen zwar wie ein Café wirkt, sich innen aber als eine traditionelle Kneipe zeigt, die es schon länger gäbe als Kreuzberg selbst, wie ich von einem Gast erfahre, mit dem ich an der Theke ins Gespräch komme. Er selbst komme seit den 1970er-Jahren hierher und erinnert sich: „Bis abends
saßen dort an den Tischen ältere Männer und spielten Skat oder Schach, bis dann
so ab 19 Uhr die Jugendlichen kamen. Dann wurde es fröhlich… und dann feucht…
dann noch fröhlicher…“, lacht er. „Um 22 Uhr war der Wirt immer besoffen und
die Leute übernahmen das Servieren und Zapfen selbst.“

„Zum Elefanten“ am Heinrichplatz / (c) M.Graß

Meinem Gesprächspartner fällt ein, dass eine Szene des Films „Herr Lehmann“ von Leander Hausmann im Elefanten gedreht wurde. „Die Hauptfigur trinkt hier ein paar Bier und erfährt dann zufällig, dass die Mauer offen ist.“
Der Mauerfall hatte auf Kreuzberg enorme Auswirkungen, rückte den fast vergessenen Randbezirk in das Stadtzentrum und zog Menschen aus aller Welt an. Die Folge war, dass der Wohnraum knapp wurde, die Mieten stiegen und die angestammte Bevölkerung bis heute fürchtet, verdrängt zu werden, weshalb das Thema Wohnen in Kreuzberg allgegenwärtig ist.

Rio und die Scherben habe er gekannt. „Ja klar, die hat man hier in den linken Kneipen abends getroffen. Die waren ganz wichtig für Kreuzberg… im Grunde haben die Scherben ja Kreuzberg erst erfunden… ein Bewusstsein für den Kiez geschaffen…“ Deshalb empfände er es angemessen, wenn die Umbenennung des Heinrichplatzes in Rio-Reiser-Platz bald erfolge. Eigentlich war diese zu Rios 70. Geburtstag geplant, wurde aber aufgrund der Covid-19-Pandemie und Einsprüchen von Anwohnern verschoben und wird voraussichtlich Anfang 2022 stattfinden. Dann wird Prinz Heinrich von Preußen dem „König von Deutschland“ weichen.
Die Mitglieder von Ton Steine Scherben aufzulisten, fällt schwer, denn neben einem Kern von Musikern zählten auch stets Personen mit mehr oder weniger klar umrissenen Rollen und Aufgaben zur Band, weshalb der Eindruck entstand, dass jeder, der sich gegenwärtig in der WG am Tempelhofer Ufer aufhielt, Teil der Gruppe war und Einfluss nehmen durfte.

Doch bei aller Offenheit nervte die Vereinnahmung von außen die Band und insbesondere Rio zunehmend. Kai erinnert sich augenzwinkernd an einen denkwürdigen Abend in München, als die Band in Anspielung auf die aus ihrer Sicht überambitioniert intellektuellen Studenten im Publikum, darunter der aktive Teilnehmer
der Studentenbewegung und Mitglied der Bewegung 2. Juni Fritz Teufel,
einen geradezu dadaistischen Auftritt absolvierte. „Wir haben gar kein Lied
angespielt… nur irgendwelche Töne und Rio ist von Zeit zu Zeit ans Mikrofon
gegangen und hat so Sachen gesagt wie „Lenin kommt gleich“ oder „Mao ist
unterwegs“.

Ton Steine Scherben, ca. 1972/73

Innerhalb der Scherben zeigten sich erste Ermüdungserscheinungen. Sie fühlten sich wie eine lebendige Musikbox, die auf Knopfdruck Revolutionssongs spielt und in jeder Kleinstadt, in der die Band auftauchte, wurde vom Publikum erwartet, dass der Umsturz losgetreten wird. Das wollten und konnten sie nicht leisten. Insbesondere für Rio, der den Anspruch hatte, auf der Bühne immer authentisch zu sein, wurden die Auftritte anstrengend und überfordernd. Rio habe nie eine Kunstfigur sein wollen, erinnert sich Nikel Pallat. Das sei ihm sehr wichtig gewesen und sei im weiteren Verlauf seiner Karriere zu einem großen emotionalen Problem für ihn geworden. In sein Tagebuch schreibt Rio über Schuldgefühle, „die ich dadurch habe, dass ich als Scherbe bestimmten Erwartungen ausgesetzt bin, die ich durch meine Zurückhaltung oft enttäuschen muss“.
Hinzu kam, dass die Band nach wie vor mit ihrer Musik unter dem Strich keinerlei Geld verdiente und wenn sie nach tatkräftiger Hilfe beim Bühnenaufbau fragte, ereilte sie der Vorwurf, abgehoben zu sein. Auf Tourneen konnten sie sich noch immer keine Hotelzimmer leisten, sondern übernachteten in der Regel bei Bekannten des Veranstalters. Einmal verschlug es sie auf einen Bauernhof, was Rio sehr gefiel, wie er in seinem Tagebuch vorausahnend festhielt. „Der Bauernhof ist sehr dufte, hat 2 Zimmer, Land, Bäume, Hühner, zwei Hunde, Hasen und einen großen Stall. Proben könnte man hier, sich gut erholen. …ich könnte mich hier zu Hause fühlen. Hier ist die Welt noch fast in Ordnung. (…) Die Stadt macht mich verrückt. Wer soll das durchhalten?“
In Schwäbisch Gmünd brachen die Scherben ein Konzert ab, als sie sich inmitten eines Songs anschauten und ihre gegenseitige Blicke nur leere Augen fanden. Rio entschuldigte sich beim Publikum mit der Erklärung, dass sie an das, was sie derzeit tun, selbst nicht mehr glauben könnten. Die Band beschloss, sich vorübergehend zu trennen, wobei die WG am Tempelhofer Ufer bestehen blieb und die Mitglieder, um etwas Abstand zueinander und ihrer Musik zu gewinnen, in verschiedenste Himmelsrichtungen aufbrachen, wobei sich Rio für Irland als vorübergehendes Exil entschied.

Nach einigen Monaten fanden sich die Scherben wieder zusammen, wobei Funky Götzner, der sogleich die finanzielle Misere der Band erkannte, als neuer Drummer hinzukam. „Die Platten verkauften sich eigentlich relativ gut, aber es gab nur zwei
Plattenläden, wo man die Platten selber hingebracht hat. Wir haben die Platten
abends immer zusammengetackert, dann hatte man halt soundso viel zusammen, aber
es reichte hinten und vorne nicht. Scheibe Brot mit Käse, Scheibe Brot mit
Wurst, das war dann das Frühstück. Und dann musste man irgendwie gucken, dass
man auch noch was Warmes zu essen bekam. Dann wurde auch nach und nach Strom
und alles Mögliche abgestellt. Als ich zu den Scherben kam, da hatten sie schon
80.000 DM Schulden.“

Funky Götzner, 2021 / (c) M.Graß

Rio beklagte sich während eines Konzerts auf offener Bühne, dass die Band zwar immerzu Solidaritätskonzerte ohne Eintrittsgeld zu verlangen spielen würde, aber umgekehrt niemand Solidarität mit der Band zeige.
Einer ihrer ersten Auftritte nach der Reunion in Berlin ist in Fankreisen als der „Glitzer-Gig“ in die Scherben-Geschichte eingegangen. Wie so häufig handelte es sich um ein Solidaritätskonzert, mit dem sich die Band für ein von der Räumung betroffenes besetztes Haus einsetzte. Zu diesem Anlass entwickelten sie eine neue Bühnenidee. Statt der üblichen mit politischen Slogans beschrifteten Transparente waren auf der Bühne Palmen und mit Blumen bemalte Leinwände zu sehen und auf dem Boden verteilte sich tonnenweise Deko-Glitter. Doch was bei den angesagten Glamrock-Stars wie David Bowie oder Lou Reed bejubelt wurde, gestand man den Scherben nicht zu. Sie sahen sich aufgrund ihres angeblich politisch inkonsequenten Auftretens heftiger Kritik ausgesetzt, die Rio konterte, indem er betonte, auch Linken sollte, wie jedem anderen Menschen, das Äußerliche nicht gleichgültig sein. Politisches Engagement müsse nicht mit Tristesse einhergehen. Als er aufgefordert wurde, diese Gedanken schriftlich in einem Manifest festzuhalten, entgegnete Rio: „Vielleicht sollten wir Schluss machen mit den ständigen Manifesten und stattdessen mal Tanzen lernen.“
Die Scherben planten eine neue Platte zu produzieren, doch es herrschte ein wenig Lustlosigkeit. Schwung und Elan der Anfangstage schienen dahin. Rio spürte, dass die Gruppe neue Wege beschreiten sollte und Lanrue, der zu jener Zeit viel Jazz hörte, wollte weg von dem rohen Punk-Sound. Ihm schwebten abwechslungsreichere und komplexere Klänge vor.
Rios Tagebuchaufzeichnungen jener Tage ist zu entnehmen, wie sehr er mit der gegenwärtigen Situation haderte und Veränderungen anstrebte. „Jetzt sitz ich wieder hier an meinem Schreibtisch und grübele darüber nach, was ich für Texte schreiben soll, und eigentlich ist es nicht so, dass mir nichts einfällt, sondern das Problem ist, dass ich dauernd daran denken muss, was die Linken dazu sagen, die haben ja ganz bestimmt etwas Erwartungen an Ton Steine Scherben, und wenn die nicht erfüllt werden, sind sie sauer. Wie soll ich diesem Spast entrinnen. Ich glaube, ich muss das alles vergessen und mir mal überlegen, was wirklich wichtig ist.“ Doch wie sich bald zeigen sollte, betrafen die von Rio als notwendig angesehenen Veränderungen nicht nur die Texte oder die Musik der Scherben.
Die ohnehin traditionell angespannte finanzielle Situation der Gruppe spitze sich weiter zu. 1974/75 wurden der WG wiederholt Strom und Gas abgestellt und das Essen musste streng rationiert werden. Als sich ihnen kurzfristig die Gelegenheit eröffnete, für 300 DM ein Konzert zu spielen, sagten sie umgehend zu, verstauten ihr Equipment, transportierten es zur Location und bauten es wie gewohnt auf der Bühne auf. Auf einem Tisch entdeckten die hungrigen Musiker belegte Brote und fragten, ob sie sich bedienen dürften und erhielten die Antwort, dass hierfür ein Solidaritätspreis zu entrichten sei, woraufhin Rio einen Wutanfall bekam, empört das Tablett durch den Raum warf und sich theatralisch das Shirt aufriss. Schlagzeuger Funky erinnert sich schmunzelnd an die beeindruckende Szene. Rios Ausraster seien legendär gewesen, da er in solchen Momenten nicht vorrangig emotional geworden sei. Vielmehr sei sein Verstand, je stärker er sich aufgeregt habe, klarer und analytischer geworden, wodurch er eine eindrucksvolle Wirkung erzielen konnte. Der bereits vorbereitete Auftritt wurde abgesagt und Rio forderte die Bandmitglieder auf, sich am nächsten Morgen zu einer Besprechung zusammenzufinden. Er hatte genug und wollte seinem Leben und dem der Band eine völlig neue Wendung geben. Am kommenden Vormittag beschlossen die Scherben, Berlin zu verlassen.







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