Unterwegs in… Kassel

Elisabeth Selbert – Teil 1:
Bitteres Unrecht & ein Glücksgeschenk des Schicksals

Hans Weingartz, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons

„Es gehört zu meinen persönlichen Charaktereigenschaften,
dass, wenn ich von etwas überzeugt bin, ich diese Überzeugung auch mit Nachdruck vertrete.“

(Elisabeth Selbert)

„Meine verehrten Hörerinnen und Hörer, der gestrige Tag, an dem die Gleichberechtigung der Frau in die Verfassung aufgenommen worden ist, dieser Tag war ein geschichtlicher Tag“, verkündete die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert nicht ohne Stolz am 19. Januar 1949 im Nordwestdeutschen Rundfunk. Bei dieser historischen Einordnung handelt es sich keinesfalls um eine übertriebene Dramatisierung, denn was kurz zuvor vom Parlamentarischen Rat beschlossen wurde, kam einer gesellschaftlichen Revolution gleich. Es war dieser hartnäckigen und scharfsinnigen Dame, Elisabeth Selbert, zu verdanken, dass Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes von diesem Tag an unmissverständlich lautete: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Elisabeth Selbert-Promenade /
(c) M.Graß

An einem Samstagvormittag im März, an dem der nahende Frühling bereits mit Gewissheit zu spüren ist, spaziere ich einen gewundenen, von noch nicht belaubten Bäumen gesäumten Fußweg an der Fulda entlang, der an eben jene Frau erinnert.

(c) M. Graß

(c) M. Graß

Die Elisabeth-Selbert-Promenade führt vorbei an reizvollen Ausblicken, verwaisten Kinderspielplätzen, gegenwärtig ungenutzten Schiffsanlegestellen, Grünflächen, auf denen vornehmlich junge Frauen ihre Hunde Gassi führen und der Fuldaschleuse, die derzeit eine Großbaustelle mit zahlreichen Kränen und Baggern ist. „Wir sind zuversichtlich, dass die Schleuse bis zum Mai 2023 fertiggestellt sein wird und der Wasserweg der Stadt damit wieder offen ist“, verkündete Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle optimistisch beim ersten Spatenstich. Die ursprüngliche Stadtschleuse wurde 1913 errichtet und in Betrieb genommen und war 2016 aufgrund eines Gutachtens, nach dem ein sicherer Betrieb nicht mehr gewährleistet werden könne, stillgelegt worden. Hinter der Baustelle erblicke ich die Insel Finkenherd, ein Vorwerk der vor Jahrhunderten errichteten Festungsanlage der Stadt sowie die Bleichwiesen, auf denen einst Stoff, Bettwäsche und Tücher von der Sonne gebleicht wurden, um dem Gewebe einen helleren Farbton zu verleihen. Seit mittlerweile etwa 10 Jahren lädt die rund 12.000 Quadratmeter große öffentliche Grünanlage zum Verweilen ein.

Die 220 Kilometer lange Fulda, an deren Ufer ich seit geraumer Zeit entlangspaziere, entspringt in der Rhön und endet im niedersächsischen Hann. Münden, wo sie sich mit der Werra zur Weser vereinigt. Auf einer Länge von 14 Kilometern fließt der Fluss durch das Stadtgebiet und scheint mir doch kein prägender Faktor für Kassel zu sein. Eher empfinde ich die Fulda als eine Grenze, die das Zentrum der Stadt mit seinen bedeutenden Museen, modernen Einkaufszentren, zahlreichen Unterhaltungsmöglichkeiten und gastronomischen Angeboten vom unbekannteren östlichen Teil der Stadt trennt.

Während vor rund 100 Jahren die Fulda noch als Schwimmbad genutzt wurde und an den sonnigen Wochenenden Hunderte Bürger an ihr Ufer lockte, an dem diese von den zahlreichen Badestegen aus in das kühlende Wasser stiegen, scheint sich das innerstädtische Leben und das Geschehen am Fluss heutzutage auseinanderentwickelt zu haben. Es heißt, die kommende Documenta, die im Fünfjahresrhythmus in Kassel veranstaltete und weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst, schmiede Pläne, diese Tradition aufzugreifen und beabsichtige, während der Ausstellungswochen eine Badestelle an der Fulda zu errichten oder zumindest die Fulda und den Stadtteil Bettenhausen stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

In unmittelbarer Flussnähe wurde am 22. September 1896 Martha Elisabeth Rohde als zweite von vier Töchtern des Justizbeamten Georg Rohde und seiner Frau Elisabeth in der Wallstraße 6 geboren.

Wallstraße / (c) M. Graß

Im selben Jahr konstruierte Gottlieb Daimler in Cannstatt den ersten motorisierten Lastwagen, während in London Bridget Driscoll zum ersten Todesopfer in einem Verkehrsunfall, an dem ein Automobil beteiligt war, wurde. In der englischen Hauptstadt erschien erstmals die Zeitung Daily Mail und der Franzose Louis Le Prince drehte mit seiner Kamera die frühesten bekannten bewegten Bilder, die mit Recht als Film zu bezeichnen sind. Im fernen Klondike lockte ein Goldfund Glücksritter aus aller Welt an und löste den sogenannten Goldrausch aus und in Athen wurden die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit, bei denen noch ausschließlich Männer zur Teilnahme berechtigt waren, abgehalten.


Daimler Motor-Lastwagen (1896) / (CC BY-SA 3.0)         

Eröffnungsfeier der olympischen Spiele 1986 (gemeinfrei)

Vier Wochen vor Elisabeth Selberts Geburt verabschiedete der deutsche Reichstag mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch das erste einheitliche deutsche Zivilrecht, das in weiten Teilen noch den Geist des ausgehenden Jahrhunderts atmete. Frauen wurden de facto als Menschen zweiter Klasse ohne Wahl- und Versammlungsrecht klassifiziert. Der Ehemann besaß das Recht, über wesentliche Familienangelegenheiten wie beispielsweise den gemeinsamen Wohnort zu bestimmen. Ebenso oblag ihm die Entscheidung, ob und wo seine Ehefrau einer beruflichen Tätigkeit nachging.

Mit der selbstverständlichen Benachteiligung des weiblichen Geschlechts sollte auch Elisabeth Selbert im Verlaufe ihres Lebens konfrontiert werden.



Elisabeth war eine fleißige, strebsame und begabte Schülerin. Ihre Eltern waren bemüht, ihren Kindern eine ordentliche Schulausbildung zu ermöglichen, konnten Elisabeths Wunsch, Lehrerin zu werden, jedoch nicht erfüllen. Für den erforderlichen Besuch eines Gymnasiums, der für junge Frauen zu jener Zeit ohnehin unüblich war, fehlten schlicht die finanziellen Mittel. Doch sie ermöglichten ihr nach dem Besuch der Volksschule zumindest den Besuch der Mittelschule – der heute nicht mehr existierenden Amalienschule in Kassel. Das Schulgebäude, das heutige Goethe-Gymnasium, war wenige Jahre zuvor in der Wimmelstraße in Kassel errichtet worden, um der stetig wachsenden Zahl der Schülerinnen in der Luisenschule Rechnung zu tragen.


Goethe-Gymnasiums, Kassel / (c) M. Graß

Die neu geschaffene Bildungseinrichtung wurde nach der Landgräfin Amalie Elisabeth (1602 – 1651) benannt, die von 1637 bis 1650 die Landgrafschaft Hessen-Kassel regierte und sich dabei als eine geschickte und energische Regentin erwies – Eigenschaften, die später auch Elisabeth Selbert zugeschrieben wurden.


Ludwig von Siegen – Porträt Amelie Elisabeth von Hessen / gemeinfrei

Seit 1969 ist das denkmalgerecht renovierte Gebäude von einigen Klassen des Kasseler Goethe-Gymnasiums bezogen worden.

Elisabeth Selbert bekam zu jener Zeit erstmals das ganze Ausmaß diskriminierender Behandlung aufgrund ihres Geschlechts zu spüren. Das Lehrangebot ihrer Schule orientiert sich an dem, was den Frauen seinerzeit an Befähigungen und Bedürfnissen zugeschrieben wurde. Neben dem Fremdsprachenerwerb war dies Stenografie, Maschineschreiben und Nähen. Obwohl sie eine hervorragende Schülerin war, erhielt Elisabeth nach dem Ende ihrer Schullaufbahn keinen Realschulabschluss, da ihr hierzu Lerninhalte in den Bereichen Mathematik und in den Naturwissenschaften, die ihr schlicht vorenthalten worden waren, fehlten.

Diese Demütigung, die sie später als „ein bitteres Unrecht“ bezeichnete, weckte ihr Interesse für die aufkommende Forderung nach Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Sie las Texte der Schriftstellerin Louise Otto-Peters (1819 – 1895), einer Mitbegründerin der deutschen Frauenbewegung, und setzte sich mit den Gedanken der Politikerin und Pädagogin Helene Lange (1848 – 1930) auseinander, die sich für eine Neuordnung des „höheren Mädchenschulwesens“ und für die Zulassung von Frauen zum Studium einsetzte.



Zwischen 1912 und 1913 besucht Elisabeth Selbert die Kasseler Gewerbe- und Handelsschule des Frauenbildungsvereins – die heutige Elisabeth-Knipping-Schule. 1956 hatte das Kollegium die Umbenennung der Bildungseinrichtung beschlossen, um seine Anerkennung für die Pädagogin Elisabeth Knipping (1869 – 1951) zum Ausdruck zu bringen. 1912 hatte sie die Leitung der bestehenden „Gewerbe- und Handelsschulen des Frauen- und Bildungsvereins“ übernommen und diese zu deutschlandweit anerkannten Ausbildungsstätten entwickelt. Das ursprüngliche Schulgebäude wurde durch den großen Bombenangriff auf Kassel im Oktober 1943 vollständig zerstört und in den 1950er Jahren an der Gießbergstraße neu errichtet. 1982 bezog die Elisabeth-Knipping-Schule ihren heutigen Standort in der Mombachstraße. 


Elisabeth-Knipping-Schule, Kassel /
(c) M. Graß

Im Anschluss an ihre Schulausbildung fand Elisabeth Selbert eine Anstellung als Auslandskorrespondentin bei der von Heinrich Salzmann (1851-1915) 1876 gegründeten, Kasseler Textilfirma Salzmann & Co..


Heinrich Salzmann / gemeinfrei

Ich stehe vor der imposanten Fassade des einstigen, erhaben in die Höhe ragenden Fabrikgebäudes im Kasseler Stadtteil Bettenhausen. Die großen weißen Sprossenfenster des reich gegliederten Backsteingebäudes, lassen mich vermuten, dass ausreichend Tageslicht für die Arbeit in der Weberei unerlässlich war.


Salzmann & Co. / (c) M. Graß

Nach seiner kaufmännischen Ausbildung trat Heinrich Salzmann als Stellvertreter seines Vaters in den bestehenden Familienbetrieb ein, pachtete Webereien in verschiedenen Regionen Europas und errichtete 1890 auf dem Areal von ca. 37.000 m² in Kassel, auf dem ich mich soeben bewege, einen umfangreichen Neubau, den er in den folgenden Jahren Zug um Zug erweiterte.

Während des Ersten Weltkriegs stieg der Bedarf an Textilien sprunghaft an, weshalb die Firma dank der guten Auftragslage allein in Bettenhausen über 5000 Arbeiter:innen und Angestellte beschäftigen konnte.
Im November 1915 erlitt Heinrich Salzmann auf dem täglichen Weg mit der Straßenbahn zur Arbeit einen Herzinfarkt und verstarb im Alter von 64 Jahren.


Grabstelle der Familie Salzmann, Kasseler Hauptfriedhof / (c) M. Graß

Nach seinem Tod blieb die Firma im Familienbesitz. Salzmann und Co unterstützte frühzeitig ideell und finanziell die NSDAP und konnte durch den Militärbedarf für den Zweiten Weltkrieg erneut Umsatzsteigerungen verbuchen und bis Mitte der 1950er-Jahre eine überregional bedeutende Rolle in der Gewebeproduktion bewahren. Dann setzte der Niedergang ein, der dazu führte, dass Salzmann in den 1960er-Jahren nur noch etwa 200 Angestellte beschäftigen konnte. Die Firma geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten und musste – laut damaliger Geschäftsführung aufgrund von konkurrierenden Importen aus Billiglohnländern sowie steigenden Lohnkosten in Deutschland – 1971 den Betrieb stilllegen.

1987 wurde von Künstler:innen der Verein „Kulturfabrik Salzmann“ gegründet, der in dem leer stehenden Fabrikgebäude drei Bühnen, eine Ausstellungshalle, mehrere Ateliers, ein Café und ein Bistro etablierte. Das Veranstaltungsprogramm, das Theater, Tanz, Musik und bildende Kunst umfasste, verwandelte den verlassenen Ort zu einem lebendigen Kulturstandort.

Deutschlandweite Bekanntheit erlangte das Areal insbesondere durch die Diskothek, den selbst international bekannten Techno-Club „Stammheim“, dessen Veranstaltungen sich auf bis zu drei Stockwerke erstreckten und in dem renommierte DJs und Künstler wie Paul van Dyk, Dr. Motte, Westbam und Sven Väth hinter den Plattentellern standen. Dem Club wurde im Februar 2002 infolge von Beschwerden aus der Nachbarschaft aufgrund unzumutbarer Lärmbelästigung, beträchtlicher Müllberge, Parkplatzmangels und Drogenmissbrauchs rund um das Gelände der Mietvertrag gekündigt.

VIDEO: „Der alte Kasseler Techno-Club verfällt“




Nach 25 Jahre, in denen sich die „Kulturfabrik Salzmann“ zu einer Institution im Stadtteil Bettenhausen entwickelt hatte und Musiker:innen wie Die Fantastischen Vier, Culture Beat, Milky Chance, 2Raumwohnung oder Billy Talent auf ihrer Bühne zu Gast hatte, musste der Verein im Herbst 2012 aus der Fabrik, die nach diversen Debatten und Auseinandersetzung vollständig saniert werden sollte, ausziehen.

In den Folgejahren scheiterten sämtliche Pläne für eine Weiterentwicklung des Areals als Wohnraum, Einkaufszentrum, Kulturzentrum, Konzerthalle oder Behördenkomplex, da sich Stadt, Eigentümer und Investoren nicht auf ein gemeinsames, tragfähiges Konzept einigen konnten. Heute verfällt das architekturgeschichtlich bedeutsame Ensemble und eines der größten Industriebau-Denkmäler des Landes in weiten Teilen, während die Zukunft des Komplexes ungewiss bleibt.


Salzmann & Co / (c) M. Graß

Das von raschelnden Geräuschen am Rande der Stille umgebende Gebäude ist notdürftig mit Bauzäunen, die, wie vereinzelte Graffiti belegen, gelegentlich überwunden werden, abgeriegelt. Das Gelände strahlt einen morbiden Charme auf mich aus, obgleich sich bei genauem Hinschauen erkennbar vielfaches Leben hinter den Metallgittern regt. Unkraut überwuchert nach und nach die brüchigen Steine und Pflanzen ranken sich an den verwitterten Mauern empor. Ich entdecke rührige Käfer emsig über den sandigen Boden krabbeln, betrachte Spinnen, die sorgfältig ihre Netze in den trockenen Sträuchern knüpfen, kann im Augenwinkel davonhuschende Katzen ausmachen, für die das Grundstück zu einem Zuhause geworden sein mag, blicke zu dem hohen Schornstein, der das Ensemble überragt und frage mich, welche Lebensformen in seinem Schlund mittlerweile heimisch geworden sind.

Salzmann & Co. / (c) M.Graß

Elisabeth Selbert verlor bei Beginn des Ersten Weltkriegs ihren Arbeitsplatz bei Salzmann, fand aber schon bald aufgrund des kriegsbedingten Mangels an männlichen Arbeitskräften eine Anstellung beim Telegrafendienst der Reichspost.

In ihrer Freizeit las Elisabeth viel, wobei sie besonderes Interesse an philosophischen Themen entwickelte. Politisch schien sie in den turbulenten Zeiten zum Ausgang des Weltkrieges zunächst ratlos und hatte sich noch keine eindeutige Meinung gebildet. Das sollte sich ändern, als sie bei der Arbeit ihren späteren Ehemann, den gelernten Buchdrucker, Sozialdemokraten und Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates in Niederzwehren, Adam Selbert, kennenlernte. Sie begleitete ihn zu politischen Veranstaltungen, wurde von dessen Leidenschaft für Politik angesteckt und trat schon bald in die SPD ein, wo sie sich sogleich stark engagierte. „Was ich mache, das tue ich ganz“, lautete stets ihr Motto.



Es waren politisch aufregende und richtungsweisende Zeiten. Der Kaiser befand sich im holländischen Exil und der aus Kassel stammende Philipp Scheidemann (1865 – 1939) hatte am 9. November 1918 mit den Worten „Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt“ von einem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik ausgerufen.


Scheidemanns Wohnhaus in der Gutenbergstraße 5, Kassel / (c) M. Graß

Drei Tage später verkündete der Rat der Volksbeauftragten das allgemeine Wahlrecht und schloss dabei Frauen ausdrücklich ein. Bereits am 30. November 1918 trat in Deutschland das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft. Gemessen an den vielen Kämpfen, Debatten und Streitereien vollzog sich dieser historische Schritt vergleichsweise rasch, geräuschlos und unkompliziert.

Elisabeth Selbert verfasste zahlreiche Artikel zu dem neuen Wahlrecht und sprach auf Veranstaltungen über die Pflicht der Frauen, sich politisch zu informieren und zu engagieren. „Es gehört zu meinen persönlichen Charaktereigenschaften, dass, wenn ich von etwas überzeugt bin, ich diese Überzeugung auch mit Nachdruck vertrete.“

1919 kandidierte sie erfolgreich für einen Sitz im Gemeindeparlament von Niederzwehren und arbeitete dort im Finanzausschuss. Ihr wichtigstes Thema blieb jedoch die Gleichberechtigung. Im Oktober sprach sie als Delegierte auf der Reichsfrauenkonferenz in Kassel, beanstandete, „dass wir zwar heute die Gleichberechtigung für unsere Frauen haben, dass aber diese Gleichberechtigung immer noch eine rein papierne ist“ und forderte: „Wir müssen nun dahin wirken, dass die Gleichberechtigung in der Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird.“

Im selben Jahr wurde Philipp Scheidemann zum Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Kassel gewählt, wo er bis 1925 amtierte. Am 29. November 1939 verstarb er im Kopenhagener Exil. 1953 ließ die dänische Hauptstadt Scheidemanns Asche nach Kassel überführen, wo sich sein Grab seitdem auf dem Kasseler Hauptfriedhof befindet. Kassel erinnert zudem durch die Benennung zweier öffentlicher Plätze an den berühmten Sohn der Stadt. Neben dem in der Innenstadt gelegenen Scheidemannplatz wurde in Anlehnung an das schriftstellerische Pseudonym Scheidemanns der wenig einladende Henner-Piffendeckel-Platz in der Kasseler Nordstadt eingeweiht.


Henner-Piffendeckel-Platz / (c) M. Graß

Halitplatz / (c) M. Graß

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fällt mein Blick auf eine unmittelbar vor einem Nebeneingang zum Kasseler Hauptfriedhof gelegene, etwa 500 m² große Freifläche, in deren Zentrum sich eine Steele befindet, die neben einem Straßenschild auf den „Halitplatz“ hinweist, der an Halit Yozgat (1985 – 2006) erinnert. Das neunte Todesopfer der Mordserie, die in den Jahren 2000 bis 2006 deutschlandweit von der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) verübt wurde, wurde in seinem etwa 200 m entfernt liegenden Internetcafé durch zwei Pistolenschüsse in den Kopf ermordet.

Brisant und bis zum heutigen Tage ein viel diskutiertes Thema in Kassel ist die Tatsache, dass mit Andreas Temme ein Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz zur Tatzeit in dem Internetcafé anwesend war und als mutmaßlicher Täter in den Fokus der Ermittlungen geriet. Dieser sagte wenig glaubwürdig aus, die Schüssen nicht gehört zu haben und beim Verlassen des Lokals den verblutenden Halit Yozgat nicht gesehen zu haben. Doch das Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde nicht zuletzt dank der schützenden Hände seiner Vorgesetzten und der Geheimdienstbehörde eingestellt, sodass die Tat bis heute nicht aufgeklärt ist.

Auf Anregung von Halit Yozgats Vater wurde beschlossen, diesen Platz sowie die in unmittelbarer Nähe gelegene Straßenbahnhaltestelle zum Gedenken an seinen Sohn umzubenennen.


Halitplatz / (c) M. Graß

Ich beschließe einen kurzen Abstecher auf den Friedhof, der für manche Bewohner der Stadt auch als Park und Erholungsort dient, zu unternehmen. Den zahlreichen Informationstafeln am Wegesrand kann ich Erläuterungen zu den verschiedenen, hier ansässigen Pflanzen und Vögeln entnehmen, denn aufgrund seiner beachtlichen Artenvielfalt ist der Friedhof auch als Lernort für Kinder beliebt. Die erfrischend unterschiedlich gestalteten Grabstellen sind teils äußerst schlicht gehalten, während andere mit aufwendigen, efeuumrankten Skulpturen versehen sind.


Kasseler Hauptfriedhof / (c) M. Graß

Aufgrund des Bevölkerungsanstiegs und der begrenzten Kapazitäten der bestehenden Begräbnisstätte wurde 1843 an der damaligen Stadtgrenze dieser Friedhof angelegt und in der Folge stetig erweitert. Ich spaziere durch den ursprünglichen, sogenannten „alten Teil“, der von geometrisch angelegten Wegen und Alleen geprägt ist und entdecke das Ehrengrab von Philipp Scheidemann.


Ehrengrab von Philipp Scheidemann / (c) M. Graß

Während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister von Kassel musste sich Scheidemann wiederholt gegen Vorwürfe zur Wehr setzen, in denen ihm, dem Handwerkersohn und gelernten Schriftsetzer und Buchdrucker, die Qualifikation für höhere politische Ämter abgesprochen wurde. Elisabeth Selbert erkannte, dass Bildung eine zentrale Voraussetzung bei der Erreichung persönlicher Ziele ist. Im Alter von 86 Jahren erinnerte sie sich: „Ich merkte sehr bald, dass man politisch nur effizient tätig sein kann, wenn man die nötigen fachlichen Voraussetzungen mitbringt. Und so kam dann der gemeinsame Wunsch und die gemeinsame Entscheidung, dass ich noch mein Abitur als Externe nachholte und dann mit dem Studium alsbald anfing.“

Bevor sie diesen Wunsch realisierte, heiratete sie Adam Selbert, zog mit ihm nach Niederzwehren und bekam in den kommenden beiden Jahren zwei Söhne.

Sie arbeitete weiterhin im Telegrafenamt, erzog die Kinder und nahm sich Zeit für ihre politischen Aktivitäten, wobei sich die Erkenntnis erhärtete, dass ihr mitunter die theoretischen Grundlagen fehlten. Sie kam zu dem Entschluss, dass eine „juristische Ausbildung helfen würde, politisch effizienter wirken zu können.“

Adam Selbert unterstütze die Bildungswünsche seiner Frau, was für die damalige Zeit nicht selbstverständlich war. Elisabeth beschaffte sich Lehrpläne und Fachbücher und paukte zu Hause für das angestrebte Abitur, das sie als 30-Jährige und erste Frau in Kassel an der Luisenschule als Externe ablegte.

Im selben Jahr begann die zweifache Mutter ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Marburg. „Als ich in Marburg anfing mit dem Studium, waren es wohl zwei Frauen, die mit mir zusammen an der Fakultät immatrikuliert wurden“, erinnerte sie sich. Manch ein Professor schien überfordert beim Anblick seiner Studentin. „In Marburg ließ mich der alte Professor Hildebrandt gelegentlich bitten, zur nächsten Vorlesung nicht zu kommen, weil er über Sexualdelikte sprechen wollte. Er hatte wohl Schwierigkeiten vor seiner einzigen Studentin.“
Später wechselt Elisabeth Selbert an die Universität Göttingen, wo sie nach nur sechs Semestern ihr Studium mit Auszeichnung abschloss.

Im Anschluss promovierte sie und verfasste eine Dissertation unter dem Titel „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“. In ihrer Doktorarbeit durchleuchtete sie Scheidungsgründe und die hierzu ergangene Rechtsprechung in Deutschland und kam zu dem zu jener Zeit revolutionären Schluss, dass eine Ehe geschieden werden können sollte, ohne eine formale Scheidungsschuld festzustellen. Sie machte deutlich, dass sich Paare aus vielfachen Gründen auseinanderleben können, ohne dass einem der Partner daran zwingend eine Schuld zu unterstellen sei.

Mit dieser These war sie ihrer Zeit weit voraus, denn erst knapp 50 Jahre später, im Jahre 1977, wurde das von Elisabeth Selbert postulierte „Zerrüttungsprinzip“ in der Bundesrepublik (die DDR war in dieser Hinsicht fortschrittlicher) von der regierenden sozialliberalen Koalition in das Ehe- und Familienrecht eingeführt und das althergebrachte „Schuldprinzip“, das Frauen bei der Scheidung häufig rechtlos stellte, abgeschafft.

Das Ehepaar Selbert lebte zu jener Zeit bei Elisabeths Eltern, da diese anboten, bei der Betreuung der Kinder zu helfen. Die Ehe von Elisabeth und Adam war für jene Zeit äußerst ungewöhnlich, denn sie tauschten die klassischen Rollen. Adam kümmerte sich überwiegend um die gemeinsamen Kinder, stellte seine eigene Karriere hinten an und unterstützt seine Frau bezüglich ihres persönlichen Fortkommens. „Das war nur zu erklären daraus, dass unsere Ehe ein echt partnerschaftliches Verhältnis war“, schilderte Elisabeth Selbert.

Bei der Reichstagswahl im März 1933 kandidierte Elisabeth Selbert im Wahlkreis Hessen-Nassau für die SPD, wozu ein gewisser Mut vonnöten war, fand der Wahlkampf doch bereits unter den Vorzeichen der aufziehenden Diktatur statt. Die Anhänger der NSDAP verübten wiederholt Terrorakte, die sich vorrangig gegen Sozialdemokraten und Kommunisten richteten.

Elisabeth Selbert zog aufgrund ihres Listenplatzes nicht in den fortan von der NSDAP dominierten Reichstag ein. Sogleich verlor Adam Selbert als langjähriges aktives SPD-Mitglied seine Arbeit und wurde im KZ Breitenau vier Wochen lang in „Schutzhaft“ genommen. Die Familie war somit künftig auf das Einkommen Elisabeths angewiesen.

Sie stellte daher unverzüglich einen Antrag auf Zulassung zur Anwaltschaft. Eile war geboten, da es kein Geheimnis war, dass die Nationalsozialisten Frauen aus sämtlichen juristischen Berufen zu drängen versuchten. Elisabeth Selbert nannte es ein „Glücksgeschenk des Schicksals“, dass sich der gefürchtete nationalsozialistische Oberlandesgerichtspräsident auf einer Dienstreise befand und von zwei älteren Senatspräsidenten vertreten wurden, die Elisabeth kannten und aufgrund ihrer Kompetenz schätzten. Sie händigten ihr die notwendige Zulassung aus, was ein mutiger Akt war, da sich der zuständige Gauleiter, die Rechtsanwaltskammer sowie der NS-Juristenbund gegen die Zulassung ausgesprochen hatten.

Ein eindrucksvolles Mahnmal, das an die in der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen erinnert, besuche ich auf dem Universitätsplatz in Kassel. Die Installation, die ich vorfinde, besteht aus einem dunkelbraunen, fensterlosen Güterwaggon der Reichsbahn, aus dessen geöffneter Ladetür körperlose Bronzefiguren eine Rampe hinunter in die Leere taumeln.


Mahnmal „Die Rampe“, Universitätsplatz Kassel / (c) M. Graß

Ich denke unwillkürlich an die Deportation jüdischer Mitbürger:innen, Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter:innen, womit ein unmittelbarer Bezug zu dem Standort des Mahnmals besteht. Die heutige Universität, auf deren Gelände ich mich befinde, ist auf dem einstigen Areal des Maschinen-, Fahrzeugbau- und Rüstungskonzerns Henschel entstanden, der während der Kriegsjahre bis zu 6000 Zwangsarbeiter im Panzer- und Lokomotivbau beschäftigt hat.

Es ist ein bedrückendes, düsteres Werk, das die Entmenschlichung der Opfer greifbar macht. Geschaffen hat es die deutsche Künstlerin E. R. Nele, die Tochter des Documentabegründers Arnold Bode (1900–1977). Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie im kriegszerstörten Kassel, wo sie täglich den Transport von Zwangsarbeiter:innen beobachte, die zusammengepfercht in Viehwaggons zu den Werkshallen der Henschelwerke transportiert wurden.

Elisabeth Selbert sah sich genötigt, gegenüber dem NS-Regime Zugeständnisse zu machen. Sie trat der Berufsorganisation der Juristen, dem Bund Nationalsozialistischer deutscher Juristen bei. Auch wenn keine Pflicht zur Mitgliedschaft bestand, wurde eine fehlende Zugehörigkeit als Hinweis auf mangelnde nationalsozialistische Gesinnung verstanden und hatte für einen Rechtsanwalt erhebliche Nachteile zur Folge. Aktiv tätig war Elisabeth Selbert in der Organisation nie. Der NSDAP trat sie nicht bei.

Sie hatte ein kurzes Zeitfenster genutzt, um ihr Ziel als Anwältin zu arbeiten, zu realisieren, denn Frauen konnten ohnehin erst seit 1922 den Beruf der Rechtsanwältin ausüben. Diese Diskriminierung wurde stets damit begründet, die Aufnahme von Frauen führe zwangsläufig zu einer Schädigung der Rechtspflege, da eine Frau die notwendige „berufsrichterliche Objektivität“ nicht gewährleisten könne.

Dass eine derartige Praxis aus heutiger Perspektive abwegig und absurd wirkt, haben wir auch dem Wirken von Elisabeth Selbert zu verdanken, deren historische Sternstunde einige Jahre später erfolgen sollte.

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