Unterwegs in… Wien (Döbling)

Hedy Lamarr – Teil 1: Die Prinzessin aus Döbling

„Ich habe nie einen anderen Mann so sehr geliebt wie meinen Vater“
(Hedy Lamarr)

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Hedy Lamarr, 1932

In ihrem letzten Interview gab die 84-jährige Hedy Lamarr auf die Frage, mit welcher historischen Figur sie sich identifizieren könne, an: „Kaiserin Elisabeth von Österreich“. In der Tat sind manche Parallelen zu entdecken, zwischen der im Volksmund als „Sissi“ bekannten Monarchin und der heute weitgehend vergessenen Hollywooddiva.

„Ich bin ein Sonntagskind, ein Kind der Sonne / Die goldnen Strahlen wand sie mir zum Throne / Mit ihrem Glanze flocht sie meine Krone / in ihrem Lichte ist es, das ich wohne / doch wenn sie je mir schwindet, muss ich sterben“, dichtete einst Sissi und offenbart in den Zeilen ein bemerkenswertes Ego, über das Hedy Lamarr zweifelsfrei ebenfalls verfügte. Am 9.11.1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, erblickte Hedwig Eva Maria Kiesler, die später unter den Namen Hedy Lamarr Weltkarriere machen sollte, das Licht der Welt.
Geboren und aufgewachsen ist das einzige Kind ihrer Eltern Gertrud und Emil im Wiener Bezirk Döbling, durch den ich soeben bei strahlendem Sonnenschein spaziere. Bisweilen begegnen mir auf den überdies menschenleeren Gehwegen Senioren, die wahlweise ihre Hunde oder Laufstöcke ausführen. Einzig einige Vögel, deren Zwitschern aus den umliegenden kleinen Parkanlagen und Grünflächen zaghaft zu mir hinüberweht, durchbrechen die um mich herum herrschende Stille.
Döbling gilt als einer der schönsten Wiener Bezirke, der seit dem 19. Jahrhundert von einer bürgerlichen, vermögenden Anwohnerschaft, die von der attraktiven Lage am Rande des Wienerwaldes angelockt wurde, geprägt ist. Seinen Ruf als Nobelbezirk hat sich der Stadtteil bis heute bewahrt, obgleich sich die Bevölkerungsstruktur, dank zahlreicher Gemeindebauten wie dem Karl-Marx-Hof, heute ausgewogener darstellt als gemeinhin angenommen.

Osterleitengasse 2B

Mittlerweile habe ich die Osterleitengasse 2B erreicht, wo Hedwig, die schon bald den Spitznamen Hedy erhielt, zur Welt kam. Ich blicke an der Fassade der dreistöckigen Stadtvilla empor und auch wenn deren Farbe stellenweise abblättert und auch die Fensterrahmen einen frischen Anstrich benötigen, ist unverkennbar, dass Hedy in gut situierten Verhältnissen aufgewachsen ist.
Zehn Jahre nach Hedys Geburt zog Paula Preradović, die Dichterin der österreichischen Bundeshymne „Land der Berge, Land am Strome“, in die unmittelbare Nachbarschaft und rund 110 Jahre zuvor komponierte Ludwig van Beethoven, der viel Zeit in Döbling verbracht hat, keine 5 Gehminuten entfernt, im sogenannten Eroicahaus an der Döblinger Hauptstraße seine bis zum heutigen Tage häufig aufgeführte 3. Symphonie.


Hedy wuchs in einem kultursinnigen Umfeld auf, in dem Bildung einen hohen Stellenwert einnahm. Hedys Mutter war eine talentierte Pianistin, unterrichtete ihre Tochter in Ballett und Klavierspiel und hielt das Kindermädchen an, ihrer Tochter Französisch beizubringen. Ihr Vater, dem es in den vergangenen Jahren gelungen war, zum Bankdirektor aufzusteigen, las seiner Tochter abends Gute-Nacht-Geschichten, darunter Max und Moritz, Grimms Märchen, Struwwelpeter und Heidi, vor.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Wien eine berauschende Stadt. In den Kaffeehäusern, die ein Zentrum kulturellen Schaffens darstellten, verkehrten Persönlichkeiten wie Egon Schiele, Gustav Klimt, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Die Stadt war das Zentrum des Jugendstils, Geburtsort der Psychoanalyse und galt als inoffizielle Kulturhauptstadt Europas mit einem ausschweifenden Nachtleben.
Doch im November 1914, Hedys Geburtsmonat, hatte sich die Situation dramatisch verändert. Drei Monate zuvor war der Erste Weltkrieg ausgebrochen und als dieser 1918 mit dem Waffenstillstand von Compiègne endete, hatte die einst glanzvolle Metropole ein Viertel ihrer Bevölkerung verloren und die österreichisch-ungarische Monarchie war Geschichte. Die vorgebliche Sicherheit und Unbeschwertheit brachen zusammen und eine Phase der Instabilität, Fragilität und sichtbaren Armut in der Bevölkerung folgte.
Doch von all dem bemerkte Hedy, die vor allem Sorgenvollen abgeschirmt wurde, nichts. Sie lebte, umsorgt von ihren Eltern und deren Hausangestellten, wie eine Prinzessin in ihrem hellen mit zahlreichen Puppen ausgestatteten Kinderzimmer und in ihrer eigenen Welt.
Ich schlendere durch das schicke, zum Ausgang des 19. Jahrhunderts entstandene Cottageviertel, das seit jeher von vornehmen Villen geprägt wurde, die sich architektonisch an englischen Landhäuser (cottages) orientiert haben. Auch wenn die Bebauung später durch weitere Einflüsse ergänzt wurde, bleiben die vielen noblen, an den ruhigen von Bäumen gesäumten Gassen gelegenen, Villen charakteristisch für diesen Bezirk.
Das seit Anbeginn als reich und von einem liberalen oftmals jüdischen Bürgertum geprägt geltende Viertel, war somit das angemessene Lebensumfeld für die Familie Kiesler.

Peter-Jordan-Straße 12

Wenige Jahre nach Hedys Geburt zog die Familie in die nach einem   österreichischen Agrarwissenschaftler benannte Peter-Jordan-Straße, wo sie in einer stattlichen Villa die beiden oberen Etagen bewohnte und die kleine Hedy den überwiegenden Teil ihrer Kindheit verbrachte.
Ihr Vater verwöhnte sie nach allen Regeln der Kunst, nannte seine Tochter „Prinzessin“ und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen, während Hedys Mutter sich mit Komplimenten und Lob bewusst zurückhielt, da sie, wie sie später erklärte, kein verwöhntes Kind heranziehen wollte. Hedy hingegen warf ihrer Mutter in späteren Jahren vor: „Sie wollte eigentlich einen Jungen. Sie scherte sich nicht um mich.“ Die Erinnerung an ihren Vater könnte kaum konträrer sein. Auf die Interviewfrage wer die Liebe ihres Lebens gewesen sei, antwortete sie spontan: „Mein Vater“.
Tatsächlich wuchs Hedy vorrangig in den Händen der Dienstboten und ihres Kindermädchens auf. Ihre Eltern waren viel beschäftigte Menschen, die ihre Abende gerne in Gesellschaft und mit kulturellen Beschäftigungen wie Theater- oder Opernbesuchen verbrachten, weshalb Hedy früh in Kontakt mit Kunst und Kultur kam, Museen und Konzerte besuchte, mit ihren Eltern durch die Stadt spazierte, Riesenrad im Prater fuhr und den Tag mit einem Wiener Schnitzel und Kartoffel-Gurken-Salat ausklingen ließ.


Bereits früh war Hedys Faible für die Schauspielerei zu beobachten. Den wuchtigen Schreibtisch ihres Vaters funktionierte sie zu einer Bühne für ihr Puppentheater um, als sie das Lesen beherrschte, was bereits vor der Einschulung der Fall war, liebte sie die Theater- und Kinomagazine, die ihre Eltern abonniert hatten und während ihrer Schulzeit nahm sie jede Gelegenheit wahr, bei Theatergruppen mitzuwirken.
Hedy besuchte das Döblinger Mädchengymnasium, das heutige Billrothgymnasium, wo auch Anna Freud, die Tochter des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud, die Schulbank drückte und später als Lehrerin unterrichtete. In jüngerer Vergangenheit erwarb Oscarpreisträger Christoph Walz, der seine Kindheit im Elternhaus an der nahegelegenen Grinzinger Straße verbrachte, hier seinen Schulabschluss. Dieses gelang Hedy nicht, denn neben dem Theaterspielen zeigte sie in der Schule nur wenig Engagement. Die dort behandelten Themen schienen sie schlicht nicht sonderlich zu interessieren. Mehr Beachtung schenkte sie der aktuellen Mode und achtete bereits sehr früh auf ihren persönlichen Stil. Sie trug modische Hosenanzüge, zupfte sich die Augenbrauen wie Greta Garbo und strahlte eine kühle Androgynie aus, die seinerzeit en vogue war, was zur Folge hatte, dass die Verehrer schon im frühen Teenageralter bei ihr Schlange standen. Als Hedy 14 Jahre alt war, nahm sie heimlich an einem Schönheitswettbewerb teil, den sie gewann und von dessen Preisgeld sie sich einen Pelzmantel zulegte. Als erwachsene Frau erinnerte sie sich: „Mit Selbstvertrauen wird man geboren… und ich hatte Unmengen davon.“
Ein Jahr darauf hatte sie ihren ersten Freund, begann sexuell aktiv zu werden und ein ausschweifendes Liebesleben zu führen. Hedy genoss ihre Sexualität und Männern den Kopf zu verdrehen. „Ich war schön und wusste das!“
Die Sorgenfalten auf der Stirn ihrer Eltern wurden tiefer. Für sie war es von großer Bedeutung, ihrer Tochter eine erstklassige Ausbildung zu ermöglichen, wofür ein guter Schulabschluss vonnöten erschien. Sie meldeten Hedy von der Döblinger Schule ab und in einem renommierten Internat in Luzern an. Doch der erwünschte Sinneswandel setzt bei ihrer Tochter nicht ein. Sie hielt weiterhin die Lerninhalte für irrelevant und nutze die Internatszeit vorrangig, um weitere sexuelle Erfahrungen zu sammeln und stetig neue Fluchtpläne zu entwerfen, die sie wiederholt erfolgreich umzusetzen wusste. Schließlich erkannten ihre Eltern die Sinnlosigkeit des Vorhabens und holten Hedy zurück nach Hause.
Hedy schien den Entschluss gefasst zu haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen und es gelang ihr als sechszehnjährige Schulabbrecherin eine Anstellung als “Script Girl” bei den Sascha-Filmateliers zu ergattern, wo sie schon bald auch erste Statistenrollen übernahm.

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Hedy Lamarr, 1932

Zu jener Zeit lernte sie während eines Skiurlaubs in den Schweizer Alpen den deutschen Industriellen Franz von Hochstetten kennen. Es folgte eine Wochenendbeziehung mit heimlichen Treffen in Hotelzimmern, eine ungewollte Schwangerschaft sowie eine Abtreibung. Während ihr Liebhaber sie verehrte und so bald als möglich heiraten wollte, empfand Hedy die Beziehung – den Sex ausgenommen – schon bald als langweilig und trennte sich von ihm, worauf dieser sich erschoss. Für ihr vergleichsweise liberales Döblinger Umfeld waren mit diesen Ereignissen moralische Grenzen überschritten und Hedy spürte, dass für sie die Zeit gekommen war, der Heimat den Rücken zu kehren. Für sie stand mittlerweile fest, dass sie Schauspielerin werden wollte. Berlin galt damals als das Zentrum der Theaterszene, das maßgeblich durch einen Mann verkörpert wurde: Max Reinhardt. Für Hedy, die zeit ihres Lebens danach trachtete, Umwege zu vermeiden, bestand kein Zweifel: Sie musste nach Berlin und den einflussreichen Theatermacher kennenlernen.
Max Reinhardt (1873 – 1943), der unter anderem mittels einer aufwendigen Bühnenmaschinerie vielfältige Impulse zur Erneuerung der Theaterkunst gesetzt hat, wurde 1905 zum Intendanten des Deutschen Theater in Berlin ernannt, wo er Bertolt Brecht und Carl Zuckmayer als Dramaturgen sowie Gustaf Gründgens als Regisseur engagierte. 1920 begründete er mit seiner Jedermann-Inszenierung die Salzburger Festspiele und leitete dort in den kommenden 18 Jahren das Schauspiel. 1924 übernahm er die Komödie am Kurfürstendamm und leitete zeitgleich – und damit parallel zum Deutschen Theater – das Theater in der Josefstadt in Wien.

Max Reinhardt in Berlin, 1930

Bundesarchiv, Bild 102-10387 / CC-BY-SA 3.0

Es bestand kein Zweifel, dass Max Reinhardt Karrieren machen konnte und es gelang Hedy tatsächlich zu einer seiner Theaterproben zu gelangen. Sie setzte sich still in den Zuschauerraum, bis Reinhardt, von dem bekannt war, wie sehr er es hasste, wenn jemand uneingeladen bei seinen Proben auftauchte, die junge Frau registrierte. Gleichwohl zeigte sich Reinhardt nach einem kurzen Wortwechsel beeindruckt von Hedys Courage. Zudem fand er Gefallen an ihrer Stimme und sicherlich auch an ihrer äußeren Erscheinung. Er nahm Hedy unter seine Fittiche und gab ihr eine erste Minirolle in einem seiner Stücke, verließ jedoch kurz darauf Berlin, um sich verstärkt seiner Intendanz am Theater in der Josephstadt in Wien zu widmen. Kurzentschlossen folgte Hedy ihm und kehrte zurück in ihre Heimat, wo es ihr abermals gelang, kleinere Rollen bei ihrem Mentor zu ergattern.

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Hedy Kiesler, 1932

Vor einer Theaterpremiere im Januar 1932 verkündete dieser vollmundig der Presse: „Hedy Kiesler ist die schönste Frau der Welt!“ Dieser Satz bescherte der aufstrebenden Schauspielerin erstmals die Aufmerksamkeit des Publikums und der Medien. Die Aussage sollte sie aber auch für lange Zeit begleiten und festlegen. Sie war vornehmlich schön, wohingegen ihre schauspielerischen und künstlerischen Talente von untergeordnetem Interesse waren.

Filmplakat

Schon bald erhielt sie ihre erste Kinohauptrolle und trat neben Heinz Rühmann und Hans Moser in der Komödie „Man braucht kein Geld“ auf. Der Film erhielt trotz des Staraufgebots fast durchweg schlechte Kritiken. Einzig Hedy fiel, wenn auch nicht dank ihrer darstellerischen Leistung, sondern aufgrund ihrer Attraktivität, positiv auf.

Filmplakat

Doch Hedys legendärer Kinomoment sollte ein Jahr später folgen. Bereits das Filmplakat ihres nächsten Films „Ekstase“, der zu einem der größten Skandale der Kinogeschichte werden sollte, zeigt sie als erotische, lediglich in ein transparentes Tuch gehüllte Verführerin. In einer der Schlüsselszenen ruft Hedy in ihrer Rolle als Eva panisch ihrem davongaloppierenden Pferd, das in der Hitze eines Sommertages mit ihrem Kleid, das sie zuvor für ein erfrischendes Bad im See abgestreift hatte, hinterher. Verzweifelt flüchtet sich die nackte junge Frau ins Unterholz, wo sie schon bald von einem attraktiven Kavalier, der lächelnd ihren makellosen Körper mustert, entdeckt

Filmausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=5qI_nxU9zHc

Auch wenn es wiederkehrend behauptet wird, handelte es sich hierbei nicht um die erste Nacktszene in einem Kinofilm, denn bereits 15 Jahre zuvor hatte sich Model und Schauspielerin Audrey Marie Munson (1891 – 1996) vor der Kamera entblättert. Indes sorgte der Film des tschechischen Regisseurs Gustav Machatý (1901 – 1963) aufgrund der Auftritte der jungen Hauptdarstellerin Hedy Kiesler international für erhebliches Aufsehen.

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Filmszene “Ekstase” / Photo by Hulton Archive/Getty Images

Brisanter als die Nacktszene am Badesee war der Moment, als Hedys Gesicht in Großaufnahme gezeigt wird, während sie bei offenkundigem Oralsex zum Orgasmus kommt. Das war tatsächlich noch nie auf einer Kinoleinwand zu sehen gewesen und einer Meg Ryan um Jahrzehnte voraus. Diese zeigte in ihrer vermutlich berühmtesten Szene einen vorgetäuschten Orgasmus, wohingegen Produzent Josef Auerbach (1885-1969) das Gerücht in die Welt setzte, Hedys Orgasmus-Szene sei echt gewesen und man habe die meisten Szenen gar vernichten müssen, weil sie zu erotisch gewesen seien.

Weltweit brach eine Welle der Empörung aus. Bei manchen Vorstellungen kam es zu Tumulten, die zu Polizeieinsätzen führten. Im nationalsozialistischen Deutschen Reich wurde „Ekstase“ verboten, Papst Pius XI warnte vor dem Film und US-Präsident Franklin Delano Roosevelt setzte ihn in Absprache mit seinem Finanzminister Henry Morgenthau Jr. auf den Index.
Der US-amerikanische Schriftsteller Henry Miller (1891 – 1980), der zu Beginn der 1930er-Jahre in Europa lebte, widmete dem Film hingegen ein begeistertes Essay. Er erkannte, dass in „Ekstase“ Rollenklischees aufgebrochen wurden. Die von Hedy verkörperte Eva ist eine emanzipierte, hinsichtlich ihres Lebens, ihrer Liebe und ihrer Lust selbstbestimmte und hochmoderne Frau.
Die Premiere in Wien fand im Gartenbaukino statt. Das Kino eröffnete 1919 mit dem Film „Kolumbus entdeckt Amerika“ und wurde 1960 am selben Standort am Stadtpark neu errichtet. Es existiert bis heute und ist damit eines der ältesten und letzten noch betriebenen Einsaalkinos der Stadt und seit 1973 Hauptschauplatz des Viennale-Filmfestivals.

Das Wiener „Gartenbaukino“

Am Premierenabend saß Hedy angespannt neben ihren moralisch vergleichsweise konservativen Eltern. „Sie Szenen rückten näher“, erinnert sie sich. „´Er ist künstlerisch´, flüsterte ich meinen Eltern zu…“. Doch der Schock war unvermeidlich. Nachdem er seine Tochter nackt in Großaufnahme gesehen hatte, erhob sich Emil Kiesler aus seinem Kinosessel, wendete sich seiner Frau und Tochter zu und tat mit ruhigem Tonfall kund: „Kommt, wir gehen.“ Erst außerhalb des Kinos hielt er seiner Tochter eine wutentbrannte Standpauke. Diese war derart peinlich berührt, dass sie eine Woche im heimischen Kinderzimmer in der Peter-Jordan-Straße verweilte und sich nicht auf die Straße traute.


Doch schon bald trat Hedy wieder in das Licht der Öffentlichkeit, als sie am Theater an der Wien Kaiserin Elisabeth, genannt Sissi, verkörperte.
Die Wiener Gazetten waren voll des Lobes bezüglich Hedys Performance, sodass auch ein wohlhabender Industrieller aufmerksam wurde und täglich Blumen in ihre Garderobe schickte. Eines Abends stand dieser mit einem Blumenstrauß in der Hand vor ihr und stellte sich höflich vor: „Ich bin Fritz Mandl – vielleicht haben sie schon von mir gehört…“ „Nichts Gutes“, soll Hedy geantwortet haben.
Ihr Verehrer war ein international tätiger Rüstungsindustrieller, der enge Verbindungen zu faschistischen Kreisen in Europa pflegte und ein Mann der Wiener Gesellschaft, der es gewohnt war, zu bekommen, was er wollte. Obwohl das Paar in persönlicher und politischer Hinsicht Welten trennte, heirateten die beiden am 10. August 1933 in der Wiener Karlskirche. Hedys Eltern zeigten sich zufrieden mit der Wahl. Ihre Tochter war eine Schulabbrecherin, die sich anbahnende Schauspielkarriere entsprach ganz und gar nicht ihren Vorstellungen und Fritz Mandl, der drittreichste Mann Österreichs, war zweifelsohne das, was man gemeinhin als „gute Partie“ bezeichnete.
In der Wiener Argentinerstrasse, benannt in Erinnerung an die finanzielle Hilfe, die Argentinien nach dem Ersten Weltkrieg Österreich zukommen ließ, befand sich die Zentrale von Mandls Industrieimperium. Hier gaben sich die reichen und einflussreichen Persönlichkeiten die Klinke in die Hand, es sei denn, ihr Erscheinen galt als politisch heikel. In derartigen Fällen traf man auf Mandls abgeschiedenem Gut in Schwarzau zusammen, wo er beispielsweise Benito Mussolini, der unverhohlen großen Gefallen an Hedy fand, empfing.
Hedy Kiesler war von nun an Teil des erlesenen kulturellen-gesellschaftlichen Lebens in Österreich. In luxuriöser Abendgarderobe und mit üppigem Diamantenschmuck ausstaffiert, besuchte sie mit Mandl den Wiener Opernball und die Salzburger Festspiele. Das Paar genoss derartige Auftritte, in denen sie sich und ihren Reichtum zur Schau tragen konnten. „Wir hatten einen riesigen Dienerstab. Unsere Gäste reichten von Industriellen bis zu Royals. Ich fühlte mich wie Schneewittchen“, erinnert sich Hedy. Ihren Ehemann erfreute es, seine schöne Gattin bei derartigen Ereignissen zu präsentieren und er ahnte nicht, dass diese während der geführten Fachgespräche einiges aufschnappte, was sie sich Jahre später noch zunutze machen sollte.
Doch ihr Ehemann, für den abendliches Ausgehen ausschließlich Sinn ergab, wenn es monetären Zwecken diente, zeigte im Gegensatz zu ihr keinerlei kulturelle Interessen. Fritz Mandls Leben verlief nach einem exakten Zeitplan, der Hedys Natur nur wenig entsprach. Zudem war er krankhaft eifersüchtig, verfolgte den aussichtslosen Plan, sämtliche Kopien von „Ekstase“ aufzukaufen, was ihm allein deshalb nicht gelang, weil sich Mussolini strikt geweigert haben soll, sein Exemplar herauszugeben, untersagte seiner Frau die Schauspielerei, sperrte sie in seiner Abwesenheit regelrecht ein und überließ einigen treuen Dienern, deren vornehmliche Aufgabe darin bestand, Hedy zu beaufsichtigen und von jeglichen Alleingängen abzuhalten, die Hausschlüssel. Wie in einem goldenen Käfig verbrachte Hedy ihre Tage in der riesigen Wohnung am Wiener Schwarzenbergplatz.

Das Stadtdomizil am Schwarzenbergplatz 15

Zu allem ohnehin vorhandenen Kummer starb im Februar 1935 unerwartet Hedys Vater infolge eines Herzinfarkts. Sie äußerte sich nie erschöpfend zu diesem Schicksalsschlag, zog sich zurück und blieb dem Begräbnis fern. Diese befremdlich wirkende Eigenheit, Beerdigungen von ihr nahestehenden Menschen zu meiden, behielt sie zeitlebens bei. Es schien für sie charakteristisch, niemals zurückzublicken, wenn eine Episode, möge diese auch einen einst geliebten Menschen umfasst haben, für sie abgeschlossen war.
Abschließen wollte Hedy, die in ihrer Ehe hoffnungslos gelangweilt und ihrer Freiheit beraubt war, zwei Jahre später das Kapitel „Fritz Mandl“ und plante ihre Flucht. Sie hatte – von ihrem Gatten unbemerkt – Geld gespart und einige ihrer wertvollen Juwelen an eine Freundin in Paris geschickt. Verkleidet als Hausmädchen kletterte sie aus dem Fenster der Wohnung, wurde von einem eingeweihten Fluchthelfer erwartet, der sie zum Bahnhof brachte, wo sie den Zug Richtung Paris bestieg, um zunächst bei besagter Freundin unterzutauchen. Als sie erfuhr, dass ihr wütender Ehemann bereits in Richtung der französischen Hauptstadt unterwegs war, um sie zurückzuholen, nahm sie kurzentschlossen ein Taxi nach Calais und setzt per Fähre nach England über, was eine kluge Wahl war, da die politische Lage in Europa es für den Rüstungsmagnaten Mandl unmöglich machte nach England einzureisen. Er gab auf und willigte kurz darauf in die Scheidung ein.

Louis B. Mayer, 1953
public domain

In London traf Hedy Louis B. Mayer (1884-1957), den US-amerikanischen Filmproduzenten und einflussreichen Leiter der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer. Dieser reiste regelmäßig nach Europa auf der Suche nach Schauspieltalenten, die er zu internationalen Hollywoodstars formen konnte. Wie es ihr gelang, den Kontakt zu dem mächtigen Filmmogul herzustellen, ist nicht bekannt. Die beiden trafen sich im renommierten Claridge Hotel, wo Mayer Hedy einen Vertrag über 125 Dollar pro Woche anbot, was diese überzogen selbstbewusst mit dem Hinweis, sie sei bereits ein bekannter Star, entrüstet ablehnte, um nur wenig später ihre Entscheidung zu bereuen. Mayer hatte im Verlaufe des Gesprächs erwähnt, am folgenden Tag mit dem Ozeandampfer „Normandie“ seine Rückreise in die USA zu planen. Wie gewohnt erkannte und ergriff Hedy ihre Chance.

Luftaufnahme der „Normandie“ / gemeinfrei

Die 1930er-Jahre waren die Zeit der großen Ozeandampfer und die „Normandie“ war einer der exklusivsten unter ihnen. Mit mehr als 300 Metern Länge und drei markanten Schornsteinen in Tropfenform war es das größte und schnellste Schiff seiner Zeit, das innen spektakulär im Stil des französischen Art Deco ausgestaltet war. Mit Deckenlampen vom bekannten Schmuck- und Glaskünstler René Lalique (1860 -1945), Pagen in scharlachroten Uniformen, einem riesigen lichtdurchfluteten Speisesaal, einem Theater mit 380 Plätzen, Restaurants, Bars, einer Sauna, einem Kino, zwei Schwimmbädern, einem Tennisplatz und einer 80 Meter langen Ladenstraße verströmte es pure Eleganz und wurde zum Schiff der Hollywoodprominenz.
Kurzentschlossen verkaufte Hedy Teile ihres wertvollen Schmucks, erwarb vom Erlös eine Fahrkarte und reiste an Bord der „Normandie“ ins Ungewisse. Auf dem Schiff nutze sie gezielt die Swimmingpools und Sonnendecks, um im knappen Badeanzug die Blicke der anwesenden Herren auf sich zu lenken und war schon bald hinter vorgehaltener Hand das Gesprächsthema an Bord, was auch Louis Mayer nicht verborgen blieb. Er war hingerissen von Hedys Wirkung, lud sie auf ein Gespräch in seine Kabine, wo er ihr einen 7-Jahres Vertrag, der ihr 550 Dollar pro Woche zusicherte, anbot, ein. Hedy akzeptierte das Angebot, nutze die weitere Überfahrt, um sich auf ihr zukünftiges Hollywoodleben vorzubereiten und ließ sich von Mayer, der vernarrt in seinen neuen Schützling war, in den exklusiven Boutiquen an Bord neu einkleiden. Insbesondere die neuesten Kollektionen der angesagten Modedesignerin Gabrielle „Coco“ Chanel (1883 – 1971), die eine revolutionäre Damenmode mit wadenlangen Röcken oder luftigen Hosen sowie Kurzhaarschnitte für moderne Frauen propagierte, entsprach Hedys Geschmack und Charakter.
Mayer machte Hedy jedoch auch auf zwei Mankos, die er glaubte, ausgemacht zu haben, aufmerksam. Ihre Brüste waren seiner Ansicht nach für den vorherrschenden Geschmack und angesichts der Konkurrenz von Rita Hayworth und Jane Russel zu klein, weshalb er ihr riet, diesem Umstand mithilfe moderner chirurgischer Möglichkeiten entgegenzuwirken, was Hedy jedoch ablehnte.

Barbara LaMarr, 1922 / gemeinfrei

Der zweite „Schwachpunkt“ war nach Mayers Auffassung Hedys Name Kiesler, der für US-Amerikaner schwer auszusprechen sei. Zudem stoße alles Deutsche angesichts des herrschenden Nationalsozialismus weltweit auf Ablehnung. Auch wenn Hedy später erklären sollte, der Name „Lamarr“ sei ihr aufgrund des sie umgebenden Meeres eingefallen, scheint es glaubwürdiger, dass Mayer ihr den Namen in Anlehnung an die verstorbene Schauspielerin Barbara La Marr (1896 – 1926) verliehen hat. Die Namensgebung wirkt in der Rückschau prophetisch. Barbara La Marr, die es in den 1920-er Jahren als eine der ersten Frauen in der Filmindustrie zu Reichtum gebracht hatte, wurde unter dem Beinamen „The Too Beautiful Girl“ bekannt, war fünfmal verheiratet, führte einen extravaganten Lebensstil und litt unter Abhängigkeit von Betäubungsmitteln jeglicher Couleur.


Dampferankünfte in New York waren seinerzeit aufsehenerregende Ereignisse. Insbesondere beim Empfang der „Normandie“ erwarteten Reporter, Fotografen und Schaulustige gespannt die Kinonewcomer aus Europa. Am 4. Oktober 1937 raunte man sich den Namen eines berüchtigten Skandalstars aus Österreich hinter vorgehaltener Hand zu, als am Steg neben vielen anderen Journalisten ein junger Reporter der New York Daily News namens Edward „Ed“ Sullivan (1901 – 1974), der sich zwei Jahrzehnte später durch seine Late Night-Talkshow weltweit einen Namen machen sollte, wartete. Dieser war hingerissen von Hedy Lamarr, die noch wenige Tage zuvor als Hedy Kiesler das Schiff betreten hatte und kürte sie in seinem Bericht zur „schönsten Frau des Jahrhunderts“. Bereitwillig ließ sich Hedy fotografieren und genoss die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zog, sichtlich. Doch New York sollte lediglich ein kurzer Zwischenstopp sein, denn unmittelbar am darauffolgenden Tag bestieg Hedy den Zug Richtung Hollywood.

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